Wie ein Tabu gebrochen wird

u. a. Texte aus „Ossietzky – Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft“2002 – 2020

Wie ein Tabu gebrochen wird

Fahrt nach Biel in der Schweiz, wo sie vielleicht am lieblichsten ist. Die Berge nicht so hoch, der See nicht so eng dazwischen und nicht so groß. Robert Walser wurde hier geboren, wie passend. Allein deshalb würde sich ein Besuch lohnen, aber Biel ist dieses Jahr auch einer der Schauplätze der schweizerischen Landesausstellung. Mit philosophisch–kritischen Ansprüchen kommt sie daher, was sich schon an den Namen der Pavillons ablesen läßt.

„Leben, Lust und Lohn“ heißt derjenige der schweizerischen Metallindustrie. In der Schlange davorstehend sage ich zu einem Paar, das mir proletarisch genug erscheint, um den Witz zu verstehen: „Wahrscheinlich geht es da drin nicht um höhere Löhne. Sondern um die Lebenslust bei niedrigen Löhnen.“ Er nickt kurz, will sich aber den Spaß nicht weiter verderben lassen. Sie zieht es vor, stumm zu bleiben.

„Wie ein Tabu gebrochen wird“ weiterlesen

Der Blick von unten

Kunstaneignung in der „Ästhetik des Widerstands“

Aus: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung Nr. 107, September 2016

Im Editorial des Themenhefts der Zeitschrift „Das Argument“ zum 100. Geburtstag von Peter Weiss heißt es: „In der Ästhetik des Widerstands geht es um die Frage, wie Fremdbestimmung durch ‚Kulturarbeit’ aufzusprengen sei. Befreiung – dieses Wort gewinnt hier eine neue reiche Bedeutung, denn es geht nicht allein um ‚die Befreiung aus politischer Unterdrückung, sondern ebenso um die Befreiung von den kulturellen Hindernissen (…), die ganze Lebensweise ist gemeint, alles worin man verfilzt ist, worin man lebt‘. ‚Kulturarbeit‘ heißt dann auch Überwindung der Eingeschlossenheit in die Engstirnigkeit, die Trägheit, das Besserwissen. Daher die Bedeutung von Kunst und Literatur, die, wenn sie lebendig sind, ‚immer im Streit gegen etwas stehen‘, keine faule Identität aufkommen lassen, produktive Unruhe verbreiten.“1
Zitiert wird hier Peter Weiss selbst, der nicht, wie es mittlerweile im Kulturbetrieb wieder üblich ist, unter Kultur nur entweder die hohe Kunst oder die Populärkultur verstand, sondern etwas, was „die ganze Lebenshaltung“ meint. „Kultur ist, wie der ganze Mensch lebt und arbeitet“ – das war auch eine Formel, die seit den 1970er Jahren nicht nur in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit Verbreitung fand. Sie richtete sich gegen das elitäre Prinzip des L’art pour l’art und gegen eine bildungsbürgerliche Auffassung von „Kulturgütern“ als „ewigen Werten“, die angeblich nichts mit schnöden Interessen und dem Alltag der Menschen zu tun haben.

„Der Blick von unten“ weiterlesen