u. a. Texte aus „Ossietzky – Zweiwochenschrift für Politik / Kultur / Wirtschaft“2002 – 2020
Wie ein Tabu gebrochen wird
Fahrt nach Biel in der Schweiz, wo sie vielleicht am lieblichsten ist. Die Berge nicht so hoch, der See nicht so eng dazwischen und nicht so groß. Robert Walser wurde hier geboren, wie passend. Allein deshalb würde sich ein Besuch lohnen, aber Biel ist dieses Jahr auch einer der Schauplätze der schweizerischen Landesausstellung. Mit philosophisch–kritischen Ansprüchen kommt sie daher, was sich schon an den Namen der Pavillons ablesen läßt.
„Leben, Lust und Lohn“ heißt derjenige der schweizerischen Metallindustrie. In der Schlange davorstehend sage ich zu einem Paar, das mir proletarisch genug erscheint, um den Witz zu verstehen: „Wahrscheinlich geht es da drin nicht um höhere Löhne. Sondern um die Lebenslust bei niedrigen Löhnen.“ Er nickt kurz, will sich aber den Spaß nicht weiter verderben lassen. Sie zieht es vor, stumm zu bleiben.
Spektakulär ein Pavillon, der ganz mit feuervergoldeten Metallplatten verkleidet ist. Wie ein überdimensionaler Goldbarren liegt er in der Sonne. Die Schweizerische Nationalbank hat ihn sich 15 Millionen Franken kosten lassen. Rundum haben Besucher an dem Gold gekratzt. Auch der Spruch „Capitalism is organised crime“ wurde eingeritzt, vermutlich im Gedenken an die Rolle der Schweiz als Raubgoldsammelstelle und Geldwaschanlage.
Die Metallplatten der Verkleidung kann man kaufen und bekommt sie, wenn der Pavillon wieder abgebaut wird. Der Erlös soll für die Hungernden der Welt verwendet werden. Auch vom Ablaßhandel verstehen die Geldhändler heutzutage etwas.
„Geld und Wert / Das letzte Tabu“ heißt das Projekt, das der renommierte Ausstellungsmacher Harald Szeemann hier realisiert hat. Ich kenne ihn von der documenta 5 (1972), wo ich zusammen mit einem Freund die Abteilung „Politische Propaganda“ machte. Er wollte uns damals – vergeblich – daran hindern, unsere Sachen zu zeigen, weil sie ihm zu kritisch waren. Jetzt will ich mal sehen, ob und wie er „das letzte Tabu“ bricht.
Schon aus dem Bericht über die Ausstellung im Feuilleton der Frankfurter Rundschau habe ich geschlossen, daß es um die systematische Verwechslung von Geld und Kapital geht, daß das eigentliche Tabu unserer Zeit, die Kapitalverwertung, nicht angerührt wird und daß sich die dargestellten Vorschläge zur Abhilfe im Umfeld der Lehre Silvio Gesells vom Übel des Zinses bewegen. Meine Vorahnung wird noch übertroffen.
Im Mittelpunkt des Pavillons steht, hinter Panzerglas, an dem sich Menschen fast die Nasen plattdrücken, eine Geldvernichtungsmaschine. In genüßlich verlangsamter Bewegung greift ein Roboterarm sich Schein um Schein, legt sie auf ein Förderband, das sie zu den Messern transportiert, die Papierschnitzel aus ihnen machen. Es bleibt unklar, ob es sich um Geld handelt, das sowieso aus dem Verkehr gezogen werden muß. Jedenfalls sind Menge und Wert begrenzt, wie Szeemann im Begleittext schreibt, um keinen Überfall zu provozieren.
Was fasziniert die Besucher an diesem Ritual? Ich frage ein junges Pärchen. Wiederum reagiert nur er: Es mache eben Freude, zuzuschauen, wenn Geld, das man nicht hat, aber gerne hätte, in luxuriösen Abfall verwandelt wird. Als ich sage, daß dies doch eine einzige Verschleierung der tatsächlichen alltäglichen Kapitalvernichtung durch Pleiten, Krisen, Rüstung und Krieg sei, stimmt er mir zu, meint aber, er wolle nicht darüber nachdenken, sondern sich einfach ein bißchen amüsieren.
Dabei hat Szeemann einiges zusammengetragen, was zum Nachdenken anregen könnte. Vor allem die Kunstwerke – von Beuys bis Hans Haacke, Heartfield und Klaus Staeck – geben deutliche Hinweise auf das Kapital als eigentliches Thema hinter dem „Geldschleier“. Aber in der Masse der Ausstellungsgegenstände, der bunten Mischung aus Ethnologischem, bloß Dokumentarischem und naiv Utopischem geht es unter. Für die nivellierenden Effekte dieser Inszenierung nur ein Beispiel: Das große Holzmodell von Tatlins „Denkmal der 3. Internationale“ (1919) steht in einem Raum zusammen mit Modellen von Gaudis Kirche „Sagrada Familia“ und den Architekturfantasien des Briefträgers Cheval. Alles, wie Szeemann schon 1972 meinte, „private Mythologien“?
Ein Ausstellungsstück durfte offenbar nicht fehlen: ein Goldenes Kalb, dazu in hebräischen Schriftzügen entsprechende Stellen aus dem Alten Testament. Ich sage der jungen Dame, die gerade die Aufsicht führt, daß ich dieses Werk eines in New York lebenden Künstlers für unterschwellig antisemitisch halte. Wieso ist die Inschrift nicht in Englisch verfaßt oder in vielen Sprachen, der heutigen Globalisierung des Tanzes um das Goldene Kalb angemessen? Sie: „Ich kenne die Geschichte aus dem Bibelunterricht, beziehe sie nicht einseitig auf die Juden.“ Ich: „Wieviele Schweizer halten Ihrer Meinung nach die Juden für besonders geschäftstüchtig?“ Sie: „90 Prozent.“ Ich: „Na, sehen Sie.“ Sie: „Aber sie sind es doch auch.“
Soviel zum Tabubruch.
Aus: Ossietzky Nr. 20/2002
Schlangengrube
Auf den Bronzetüren des Hildesheimer Doms wird der Sündenfall der Menschheit in einmalig erhellender Weise als Geschichte von Schuldabwehr und Sündenbockmacherei erzählt. Gott fragte bekanntlich Adam und Eva, wer gegen sein Verbot verstoßen habe, vom Baum der Erkenntnis zu essen, um ihm gleich zu werden. Auf den Hildesheimer Türen weist nun Adam mit ausgestrecktem Arm auf Eva als die eigentlich Schuldige, damit der Zorn Gottes ihn nicht treffe. Eva ihrerseits verweist mit ähnlicher Geste auf die listige Schlange, den Teufel, der sich im Baum versteckt. So haben sie beide jemanden, der sie verführt hat, auf den sie ihre Schuld abwälzen können. Und ein Fabelwesen, ein „Untier“ bleibt übrig als Verkörperung des Bösen.
An diese Darstellung mußte ich denken, als ich das Titelblatt des Spiegel vom 29. August dieses Jahres sah: Eine zur gefährlichen Giftschlange mutierte Äskulap-Natter, der die Geldscheine aus dem Maul flattern, weil sie nicht genug von ihnen bekommen kann, windet sich um ein Skalpell. Dieses angsterregende Tier sollte eine Titelgeschichte über „das Geschäft mit überflüssiger Medizin“ illustrieren – zum Beispiel etwa 400 000 weitgehend sinnlose Kniearthroskopien pro Jahr in Deutschland und andere Behandlungen, deren Haupteffekt ist, daß die Kasse klingelt.
Der Äskulapstab ist das Standeszeichen der Mediziner. Wenn der Spiegel es verfremdet, um die Geldgier von Ärzten zu karikieren, so kann ihm nicht vorgeworfen werden, den ganzen Berufsstand diffamieren zu wollen. Satire und Karikatur arbeiten nun einmal mit Vergröberungen und Zuspitzungen. Sie dürfen alles, fast alles. Problematisch wird es erst da, wo die Beutelschneiderei der „Halbgötter in Weiß“ dafür herhalten muß, von einer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung abzulenken, in der Geld und Gewinn oberste Werte sind, und sei es als „Schnäppchen“ für jedermann. Das ist nämlich der Sinn auch der heftigsten Angriffe gegen die Verfehlungen einzelner und einzelner Gruppen, solange sie nicht mit der nüchternen Analyse der Verhältnisse verknüpft werden, die solche Verfehlungen erst ermöglichen. Kapitalistenschelte ersetzt niemals die notwendige Kapitalismusanalyse.
Nun könnte man meinen, die Schlange auf dem Spiegel-Titelblatt symbolisiere doch gerade dieses Allgemeine, Abstrakte oder sei wenigstens ein Hinweis darauf. In der Tat steht sie in einem assoziativen Zusammenhang mit vielen anderen Bildern des „Raubtierkapitalismus“, die in den letzten Jahren in den Medien auftauchten. Als weiteres Beispiel sei eine Karikatur betrachtet, die am 29. Juli im Teil „Finanzmarkt“ der FAZ erschien.
Man sieht einen Herrn im dunklen Anzug, vermutlich Unternehmer, der auf der Erdkugel steht, einen Käfig geöffnet hat und mit dem Ausruf „fass!“ und einer entsprechenden Armbewegung eine Riesenschlange, auf deren Leib „Globalisierung“ zu lesen ist, auf einen nicht zu sehenden Gegner oder Konkurrenten hetzen will. Der Kopf der Schlange, die sich um die Welt gewunden hat, ist aber bereits wieder im Rücken ihres „Herrn“ angekommen und bedroht diesen mit aufgerissenem Maul. Die Moral der Karikatur: Die Globalisierung frißt ihre Betreiber. Wer den Geist aus der Flasche, die Schlange aus dem Käfig, die Bestie von der Leine läßt, darf sich nicht wundern, wenn sie ihn überwältigen.
Beim Betrachter kommt Schadenfreude auf, aber kaum Erkenntnis. Denn die Globalisierung ist keinesfalls als die bewußte oder fahrlässige Freisetzung von Ungeheuern zu begreifen, gleichsam das Öffnen der Büchse der Pandora, sie muß vielmehr als das aktuelle Stadium der weltweiten Kapitalverwertung verstanden werden, als ein dem Bewußtsein und der Kontrolle der meisten entzogener Wirtschaftsmechanismus. Deshalb wird sie in den herrschenden Medien und von Parteivertretern der „Mitte“ ständig auch als unausweichlicher Sachzwang bezeichnet, dem man sich schlicht zu beugen habe.
Wenn nun ausgerechnet im Wirtschaftsteil der FAZ eine solche Karikatur dazu erscheint, dann geschieht das in der Absicht, ein Ventil für die Ängste zu öffnen, die auch den deutschen Manager im scharfen Wind der internationalen Konkurrenz überkommen können. Ansonsten wird in dieser Karikatur die Globalisierung wie üblich mystifiziert, als Un- oder Raubtier nämlich, also quasi als etwas Naturgegebenes. Die Schlange stellt ein Ergebnis der Evolution dar, während der globale Kapitalismus, den sie symbolisieren soll, eine von Menschen gemachte, veränderbare Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ist. Die Schlange könnte man allenfalls wieder in den Käfig sperren, wenn sie nicht längst zu groß für ihn wäre.
Soziologie und Biologie werden in solchen Bildern systematisch miteinander vermengt oder verwechselt. Das hat den Sinn, Soziales als Natürliches erscheinen zu lassen. Die Hintergrundideologie ist der Sozialdarwinismus, weit verbreitet und populär. So wird über Führungskräfte der Wirtschaft als „Alpha-Tiere“, einen Typus wie Schröder als „political animal“, über den Kapitalismus als „Naturgesetz“ und über die Gesellschaft als „Dschungel“ geredet, in dem gelte: „Fressen oder Gefressenwerden“. Auch die Werbung packt den Tiger längst nicht mehr nur in den Tank, sondern in edle Kleidung und vornehmes Ambiente.
Von dieser zynischen oder rechtfertigenden Metaphorik ist ein kritischer Gebrauch manchmal ähnlicher Bilder zu unterscheiden. Wenn Linke vom „Wolfsgesetz“ der kapitalistischen Konkurrenz sprachen und John Heartfield in seinen politischen Montagen der 1920er Jahre den Imperialismus als Bestie darstellte, dann sollte das zur Warnung dienen und zum Widerstand mobilisieren.
Die heutigen Bilder und Redeweisen vom „Raubtierkapitalismus“ bewirken dagegen nur Abstumpfung durch Gewöhnung. Kein Wunder, daß sich die Medien ihrer so gerne bedienen. Sie spiegeln vor, eine bestimmte Form oder ein neues Stadium des Kapitalismus zu bezeichnen. Weil es sich um einen unklaren, emotionalisierenden Begriff handelt, kann sich ihn die Neue Rechte zunutze machen, um der Globalisierung ihren nationalen Kapitalismus oder Pseudo-Sozialismus als etwas scheinbar Besseres entgegenzusetzen. Andere benutzen ihn, um ihre Illusionen von einem durch ein paar politische Maßnahmen gezähmten Haustierkapitalismus zu propagieren.
Aus: Ossietzky Nr. 19/2005
Kunst und Geld und freie Rede
Die Kunst ist frei, heißt es. Ist es auch die Kunstbetrachtung? Wenn man in den großen Ausstellungshäusern immer mehr Menschen mit Knopf im Ohr und umgehängtem Abspielgerät begegnet, die sich gerade erklären lassen, was sie sehen sollen, möchte man daran zweifeln. Die Erläuterungen vom Band können zwar zum Verständnis helfen, halten aber von einer unbefangenen Wahrnehmung des Kunstwerks ab. Nicht besser sind Führungen mit bis zu 50 Teilnehmern, die am Mund einer Kunsthistorikerin kleben und nur ab und an einen Blick aufs Bild riskieren. Vielleicht geht es hier aber auch gar nicht um Kunst, sondern um den Erwerb von „kulturellem Kapital“ (Pierre Bourdieu), das in der Konkurrenz mit anderen zur Statusverbesserung führt, und sei es nur beim Small talk auf der nächsten Party.
Wie soll man es aber verstehen, wenn Gruppen Kunstinteressierter beim Besuch einer Ausstellung daran gehindert werden, ein Gespräch über das Gesehene zu führen? So geschehen beispielsweise vor einigen Jahren in der Sammlung Berggruen in Berlin. Auf die Frage nach der Begründung meinte einer vom Bewachungspersonal: „Herr Berggruen“ – der damals noch lebte – „mag das nicht.“ Das mußte genügen und war ein schöner Beweis für das, was heute Public Private Partnership (PPP) genannt wird. Die Stadt Berlin hatte Berggruen ein Haus als Museum bereitgestellt, damit er seine private Sammlung der Allgemeinheit zur Verfügung stellte. Das Hausrecht aber hatte offenbar er – nach einem durchaus feudalen Verständnis.
Ähnlich geht es auf der Documenta 12 in Kassel zu. Obwohl sie mit Millionenbeträgen vom Steuerzahler finanziert ist, dürfen Schulklassen mit ihren Lehrern, Professoren mit ihren Studenten oder Vereine nicht ohne weiteres das machen, was sinnvoll wäre: gemeinsam über das sprechen, was dort geboten wird. Sie werden zur Anmeldung und Bezahlung von Führungen gezwungen, selbst wenn es, wie an Wochentagen begrenzt erlaubt, ein von ihnen selbst moderiertes Gespräch sein soll. Angesichts des ausgedehnten Sponsorings der Documenta, unter anderem durch einen schwedischen Autokonzern, können hier Geldnöte nicht das entscheidende Argument sein. Es scheint auch darum zu gehen, die Kontrolle zu behalten und eine „geschulte“ Sichtweise auf die ausgestellten Werke durchzusetzen.
Wie das funktioniert, hat kürzlich eine Gruppe der KunstGesellschaft Frankfurt am Main erfahren. Vor einem der „Lost Boys“ des schwarzen US-amerikanischen Malers Kerry James Marshall im Schloß Wilhelmshöhe deutete eine Documenta-Führerin auf die beim Malen wie absichtslos auf der Stirn des dargestellten Jungen aus einem New Yorker Farbigen-Ghetto heruntergelaufene weiße Farbspur. Sie meinte, dies sei ein vom Künstler gesetztes Zeichen dafür, daß der Junge lieber weiß sein wolle. Die Zuhörer schwiegen dazu. Kein Wunder, hatte ihre Führerin doch vermutlich genau das ausgesprochen, was sie sowieso denken: Weiß sein ist besser. Da nützt es auch nichts, wenn die Leitung der Documenta beteuert, bei ihren Führungen gehe es nicht um „definitive Wahrheiten“, weil die „Eigenart und Kraft“ von Kunst in ihrer „Vieldeutigkeit“ liege.
Die Gruppe aus Frankfurt machte gleich im Anschluß an diese Führung ein kleines Bildergespräch, bei dem sich herausstellte, daß mit der Farbspur eher eine „Verletzung durch Weiße“ assoziiert wurde.
Im Fridericianum und in den anderen Häusern wurden wir dann mehrmals vom aufmerksamen Personal gestoppt. Ich wurde nach dem Dienstausweis gefragt, der mich berechtigen würde, Führungen zu machen. Ich las dann jedesmal vor, was die Kuratorin Ruth Noack in einem Interview der Frankfurter Rundschau gesagt hatte: „Wir wollen, daß die Leute sowohl miteinander diskutieren können als auch sich kontemplativ der Kunsterfahrung widmen.“ Nach einigem Hin und Her wurde geduldet, daß wir über die Bilder sprachen, nicht ohne Hinweis darauf, daß dies eine absolute Ausnahme sei. Sonst hätte ich noch den Leiter der Documenta 12, Roland M. Buergel, zitiert, der in der Zeit proklamiert hatte: „Wir leben in schadenverursachenden Gesellschaften. Es muß darum gehen, die Leute aus ihrer Lethargie zu holen.“ Nichts anderes hatten wir vor.
Auf der Rückfahrt nach Frankfurt lasen wir Passagen aus dem Buch „Hype. Kunst und Geld“ von Piroschka Dossi. Diese Insiderin beschreibt in klarer, manchmal sarkastischer Sprache, daß der Kunsthandel zum großen Teil zu einer Waschanlage für Schwarzgeld verkommen ist und der Kunstbetrieb schon weitgehend von privaten Sponsoren gesteuert wird, die sich durch Ausstellungen Wertsteigerungen für die von ihnen erworbenen Objekte erwarten.
Der diesjährigen Documenta kann man, so meinten wir nach ihrem Besuch, zugute halten, daß sie dieser Tendenz einen stillen Widerstand zu leisten versucht. Noch nie waren zum Beispiel so viele Künstlerinnen vertreten und so viele weniger bekannte Namen. Ai Weiweis aus den Türen alter Häuser, die dem Neubauboom in China weichen mußten, zusammengesetztes Denkmal „Template“, das ein über Kassel hinwegfegender Sturm niedergelegt hat, ist zu einem Mahnmal für den Klimawandel geworden. Manchmal hilft sogar die Natur nach, um die Kunst freizusetzen. Aber die Freiheit, über Kunst zu sprechen, müssen wir uns schon selbst nehmen.
Aus: Ossietzky Nr. 14/2007
Vergoldete Haifischzähne
Der britische Künstler Damien Hirst hat das Gesicht des heutigen Kapitalismus modelliert: ein Totenschädel aus Platin, bis auf die Zähne ganz und gar mit Diamanten besetzt. Über die barocken Bilder eines memento mori, auf denen Totenköpfe mit einer schlichten Ähre bekränzt waren, geht das weit hinaus. Manche halten es für inhaltsleeren Kitsch, andere für einen bloßen Abklatsch der Verhältnisse. Aber es gibt auch Kunstkenner, die Hirsts Plastik kritisch verstehen.
Jedenfalls zeigt sie die Vergeblichkeit des Bemühens, dem Tod durch teures, beständiges Material ein Schnippchen zu schlagen. Und sie kann, kritisch betrachtet, die These Erich Fromms bestätigen, daß die Anhäufung toter Dinge wie auch abstrakter Werte um ihrer selbst willen eine nekrophile, lebensfeindliche Haltung verrät.
Hirst hat sein spekulatives Kunstwerk dadurch in die Realität des Marktes überführt, daß er sich an dem Konsortium selbst beteiligte, das es für mehr als 50 Millionen Euro erwarb. Diese Geldanlage war so gezielt wie schon die allererste in ein Produkt von ihm: 1991 hatte der Werbemagnat Charles Saatchi 50.000 Pfund für einen von Damien Hirst in Formaldehyd eingelegten Tigerhai bezahlt. 2005 verkaufte er ihn für acht Millionen Dollar an einen Hedge-Fonds-Manager; das ergab eine jährliche Rendite von 41 Prozent.
„Jetzt adelt kein geringeres Haus als das New Yorker Metropolitan Museum den Hai als Leihgabe“, schrieb Rose-Maria Gropp im Feuilleton der FAZ. Man beachte die Umkehrung der Verhältnisse: Früher wurden Museen dadurch geadelt, daß sie einen Rembrandt, Vermeer oder Beckmann besaßen, heute adeln sie als heilige Hallen das, was ihnen zu eben diesem Zweck geliehen wird, damit sein Marktwert steige.
Konservierte Tierkadaver wurden zu Hirsts Markenzeichen. Die Originalität und der Schockeffekt gingen nicht weit über die der in medizinischen Sammlungen in Gläsern eingelegten Reptilien oder mißgebildeten Föten hinaus. Die schiere Größe der Objekte, ihre auf die Wirkung des Erhabenen zielende Präsentation und der Ort der Zurschaustellung, das Museum, machten die Sensation aus.
Den Mechanismus des Blow up beherrschte Hirst auch, als er aus einer anatomischen Spielzeugfigur eine mehrere Meter hohe Plastik entwickelte. Der vom Hersteller der Figur angestrengte Plagiatsprozeß endete mit einem Vergleich.
Damien Hirst wurde so zum typischen Exponenten der zeitgenössischen internationalen Kunstmarktkunst, deren Kennzeichen Riesenformate, markenförmige Wiedererkennbarkeit und einfache Botschaften sind. Piroschka Dossi beschreibt in ihrem 2007 erschienenen Buch „Hype! Kunst und Geld“, wie der kometenhafte Aufstieg von Künstlern wie Hirst parallel lief zum Wachstum spekulativer Märkte und sozialer Ungleichheit. Überschüssiges Kapital und neuer Reichtum suchten phantastische Anlagesphären und fanden sie in der Kunst. Nebenbei konnte man dabei durch Abschreibung Steuern sparen oder Schwarzgeld unterbringen.
Die Preise für marktgängige Bilder und Plastiken explodierten und überholten sogar in einzelnen Fällen die für anerkannte Meisterwerke früherer Zeiten. Das war möglich, weil die neuen Millionäre und Milliardäre Objekte ihrer Begierden suchten und fanden, die Prestige und den Anschein eines individuellen Geschmacks versprachen, obwohl ihnen ihre Kunstberater die immer gleichen Spitzenstars andienten. „Kunst ist Kapital“, hieß es schon 1990 auf einer Postkarte der „Wirtschaftsförderung Frankfurt“, damit es auch der letzte begreife: Geld ist alles, und alles kann mit und zu Geld gemacht werden.
Damien Hirst hat dafür die einprägsamste Metapher gefunden, genauer: in der Kunstgeschichte vorgefunden und auf seine Art vergrößert und vergröbert: ein Jungbulle mit vergoldeten Hufen und einer Scheibe aus massivem Gold zwischen den goldenen Hörnern, die wie ein imaginärer Spiegel wirkt. Zu vermuten ist, daß kaum einer in diesen Spiegel blicken wird. Das hybride Mischwesen aus Natur und Kultur trägt den Titel „Das goldene Kalb“. Um es herum tanzten alle Bieter auf der größten Auktion aller Zeiten, die Sotheby’s in London exklusiv für Hirst veranstaltete: 223 neue Werke aus seiner Kunstmanufaktur, die 180 Angestellte hat. Erlös: 140 Millionen Euro, von denen der Künstler ein paar für karitative Zwecke abzweigen will.
Die Tatsache, daß er die Bilder selbst, unter Umgehung seiner bisherigen Galerien, auf die Auktion gab, um den ganzen Gewinn einzustreichen, verführte Rose-Maria Gropp dazu, in der FAZ von „Subversion“ und „Demokratisierung“ des Kunstmarktes zu sprechen. Den „unerhörten Coup“, „platziert am Rand einer globalen Wirtschaftskrise“, durfte sie auf einer Dreiviertelseite beschreiben. Die Kunst ist es eben, den Haien die Zähne zu vergolden – nicht, sie ihnen zu ziehen.
„Die Kunst kennt keine Finanzkrise“, titelte Die Welt bewundernd, als ob ihre Redakteure nichts davon wüßten, daß der mit der Auktion fast zeitgleiche Zusammenbruch bedeutender Banken die Flucht in den vermuteten Sachwert Kunst noch befeuert haben wird. Aber auch dieser kann sich als trügerisch erweisen, wie sich 1990 zeigte, als die Spekulationsblase auf den Kunstmärkten plötzlich an Luft verlor. Über die in London verkauften großformatigen „Spin Paintings“ von Hirst, die dadurch entstehen, daß auf einer rotierenden Scheibe Farbe verteilt wird, schrieb die Süddeutsche trocken: „Das ist die Sorte Kunsthandwerk, die gescheiterte Hippiekünstler an Urlaubsstränden verkaufen.“
Aus: Ossietzky Nr. 20/2008
Endzeitgedanken
»Banker weg, wir brauchen eine Revolution«, »In den Mülleimern des Kapitalismus«, »Geld stinkt, aber es arbeitet nicht«, »Die Pleite des Kapitalismus« – jeder hätte noch vor einem halben Jahr darauf getippt, daß solche wortradikalen Sätze aus kleinen linken Zirkularen stammen. Es sind aber drei Artikelüberschriften aus der Frankfurter Allgemeinen und eine Schlagzeile der Frankfurter Rundschau aus den vergangenen Wochen. Was ist passiert? Haben sich das Zentralorgan der deutschen Bourgeoisie und das im Format halbierte ehemalige Zentralorgan der Linksliberalen plötzlich in Agenturen einer Volksbewegung gegen die Kapitalherrschaft verwandel
Nein, sie reagieren nur darauf, daß der Wind gedreht hat, und verdrehen sich selbst, um die Diskurshoheit zu behalten.
Immerhin haben 70 Prozent der Bevölkerung nach den Ereignissen dieses Herbstes wenig oder kein Vertrauen mehr in die deutschen Banken. 74 Prozent stimmen sogar der These zu: »Die großen Konzerne machen jedes Jahr Rekordgewinne und schmeißen gleichzeitig die Leute raus. Da muß man schon die Frage stellen, inwieweit das mit dem Grundgesetz vereinbar ist« (aus einer Allensbach-Umfrage, zitiert unter der Überschrift »Wasser auf die Mühlen der Linken« in der FAZ). Mehr noch: »74 Prozent der Ostdeutschen, aber auch 47 Prozent der Westdeutschen meinen, der Sozialismus sei ›eine gute Idee, die schlecht ausgeführt wurde‹« (FR).
Da muß dringend etwas getan werden, damit solche fundamental oppositionellen Gedanken nicht eines Tages politische Konsequenzen haben. Ein altbewährtes Rezept dafür ist: Man greife die kritische Stimmung auf und lenke sie in eine Richtung, die der Stabilisierung der Verhältnisse dient. Wer ist der Hort und Garant von Stabilität in unsicheren Zeiten? Der Staat – wer sonst.
Dem Ruf nach »mehr Staat« schloß sich denn auch schnell die Mehrheit an – auch die Mehrheit derer, die jahrelang nach »mehr Markt« gerufen hatten. Schließlich geht es um die Rettung unserer Wirtschaftsordnung. Nach der Privatisierung exorbitanter Gewinne ist die Verstaatlichung exorbitanter Spekulationsverluste angesagt. Dazu ein Programm zur Förderung der abschmierenden Konjunktur – allerdings nur, wenn es sich im wesentlichen auf kosmetische Maßnahmen zur Verbesserung der Stimmungslage beschränkt und die Verteilung zwischen oben und unten unangetastet läßt.
Wie das alles von den Meinungsmachern vorbereitet wurde, dafür ein Beispiel aus einem Leitartikel der FAZ. Unter dem letzte Autoritätsreserven beschwörenden Titel »Vater Staat« stand da als Hinweis zu lesen – man traute seinen Augen kaum: »Ja, Grund, Boden und Produktionsmittel können ›zum Zweck der Vergesellschaftung‹ in Gemeineigentum überführt werden.«
Womöglich erinnerte sich auch in der Redaktion der FAZ niemand mehr, daß bei einer Meinungsumfrage in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts eine rauschende Mehrheit der Bundesbürger die das Eigentum betreffenden Artikel des Grundgesetzes der Verfassung der DDR zuordneten? So märchenhaft erschien der Verfassungstext angesichts der bundesdeutschen Verfassungswirklichkeit.
Daß die FAZ den fast vergessenen Sozialisierungsparagraphen zitierte, sollte wohl den Leserinnen und Lesern vor Augen führen, was geschehen könnte, wenn sich die Unternehmerschaft und ihre politischen Interessenvertreter nicht am Riemen reißen. Denkbar auch, aber weniger wahrscheinlich, daß sie die geplante Staatshilfe für das notleidende Kapital mit dem Anschein einer realen Vergesellschaftung (sprich: Demokratisierung) ökonomischer Machtpositionen versehen wollte.
Es ging aber noch weiter: »Die Macht transnationaler Unternehmen und Spekulanten ist sehr groß. Sie kann offenbar ganze Gemeinwesen an den Abgrund bringen.« Diese Erkenntnis muß man nun nicht mehr den programmatischen Erklärungen von attac oder anderen linken Quellen entnehmen. Sie ist im Leitartikel der FAZ angekommen.
Das Feuilleton dieser Zeitung pflegt derweilen die fein dosierte Panikmache. Dort schreibt der Herausgeber Frank Schirrmacher von »Endzeitparolen unserer Zeit« und gibt gleich selbst eine aus: »Bringt der Rettungsplan die Rettung? Reden wir, fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, so wie einst Günter Mittag und das Politbüro und kaufen zur Beruhigung der Massen noch ein paar billige DVD-Rekorder ein?« Man muß sich ihn dabei vorstellen, wie er in seiner warmen Redaktionsstube sitzt und statt einer DVD eine CD mit einem klassischen Streichquartett eingelegt hat, während er über das »apokalyptisch aufgeladene« Jahr 2009 nachsinnt. Zu welchem Zweck und mit welchem Ergebnis? Wir werden es noch erfahren.
Aus: Ossietzky Nr. 25/2008
Hartlib Rex
»Das große Triptychon ›The American Way of Death‹ stellt als einzige Aktivität ein Spiel mit Geld oder Munition dar. Auf dem linken Flügel sieht der Tod diesem Treiben in erwartungsvoller Haltung zu, rechts verwehrt ein Soldat mit Bajonett den Ausgestoßenen den Zutritt zum Tisch der Reichen.« So aktuell dies ist, erscheint es doch wie aus ferner Vergangenheit. Bilder solchen Inhalts werden bei uns schon lange nicht mehr gemalt. Das Zitat stammt aus einem Ausstellungsbericht des Hamburger Abendblatts vom 12. März 1974. Es handelt sich um ein Gemälde von Hartlib Rex, das in der damals von ihm betriebenen »Galerie für Zeitgenössische Kunst« in Hamburg zu sehen war.
Das Thema Krieg und Frieden hat ihn nicht nur als Maler, sondern auch als Schreibenden beschäftigt. 1983 brachte er mit anderen zusammen Gedichte, Aphorismen und Bilder unter dem Titel »Der Krieg genießt seinen Frieden« heraus. 2003, inzwischen in der Schweiz lebend und arbeitend, beteiligte er sich an einer vom Deutschschweizer PEN-Zentrum herausgegebenen Anthologie zum Krieg in Irak mit dem Gedicht »Anklagen möchte ich«: »Wieder wird zurückgeschossen zurückbefreit zurückgebombt.« Für ihn war »menschliches destruktives Vermögen« nicht einfach wie für die meisten Teil der menschlichen Natur oder Psyche, sondern mitbedingt durch die gesellschaftlich »organisierte Friedlosigkeit (z. B. im Konkurrenzsystem)«. Sie zwinge die Menschen dazu, entgegen ihrem Willen und ihren Bedürfnissen zu handeln (Leserbrief an Die Zeit, 1983).
In den sozialen Bewegungen der 60er und 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts spielten Montage und Collage eine große Rolle. Ihre Funktion: »Entschlüsselung der Wirklichkeit in ihren zwar verborgenen, aber tatsächlichen Zusammenhängen« durch Dekonstruktion des schönen Scheins – so Hartlib Rex in der Zeitschrift linkskurve 1982. Neben und nach den Collagen zu politischen Themen malte Rex Landschaften und Porträts. Unbeirrt hielt er daran fest, daß die Kunst figurativ sein sollte, und stritt heftig gegen die »Ungegenständlichen«. Seine »Köpfe« zeigten, durchaus modern, auch das, was in ihnen an Unbewußtem steckt.
Mit seiner Frau, Sonia Rex-Junod, verwirklichte er schließlich den Traum von einem Museum für figurative und realistische Kunst, in das er seine Sammlung einbringen konnte. Sie gründeten nach der Jahrhundertwende in Marcigny, inmitten der sanften hügeligen Landschaft des südlichen Burgund, die »Maison d’Art Bourgogne du Sud«. Das Museum war von vornherein auch dem internationalen Kulturaustausch gewidmet.
Hier gestalteten sie in jahrelanger Arbeit ihren Skulpturengarten, der Kunst und Natur in einer unangestrengten Weise zusammen bringt. Das fand Anerkennung nicht nur in den touristischen Reiseführern der Region, des Brionnais. Auch in das nationale Verzeichnis der Parks und Gärten Frankreichs sind das Haus und der Garten des Malers aus Hamburg und seiner Schweizer Lebensgefährtin inzwischen aufgenommen worden.
»Cultiver son jardin« war das Fazit und die Devise Voltaires für die letzten Jahre des Lebens in seinem Roman »Candide«.
Hartlib Rex ist Anfang Januar im Alter von 72 Jahren in Marcigny gestorben.
Aus: Ossietzky Nr. 2/2009
Adler und Taube
Bei der Eröffnung der Ausstellung „Deutscher Geist. Ein amerikanischer Traum“ im Literaturarchiv in Marbach las Henry Kissinger Goethes Gedicht „Adler und Taube“ vor. Wie passend. Gerade zeigen der deutsche und der US-amerikanische Adler, Seite an Seite, ihre Krallen in Afghanistan, und die Taube scheint wieder einmal wenig Chancen zu haben.
Zu Kissingers Zeiten war das kaum anders. Er galt lange außenpolitisch als „Falke“, was ein zwar kleinerer, aber umso beweglicherer Greifvogel ist. Außerdem erscheint die Bezeichnung „Falke“ für höhere Angestellte des Imperiums passender als der Name des „Königs der Lüfte“.
Als Sicherheitsberater des Präsidenten Nixon soll Kissinger die „Operation Condor“ unterstützt haben, die vom chilenischen Geheimdienst ausging. Ihr fielen hunderte, wenn nicht tausende Linke zum Opfer. Condor – wieder so ein Greifvogel, diesmal aus der Familie der Geier.
Andererseits erhielt Kissinger 1973 den Friedensnobelpreis für seine Bemühungen, den Vietnamkrieg zu beenden. Dieser war aber für die USA selbst durch Terrorbombardements, zu denen auch Kissinger geraten haben soll, längst nicht mehr zu gewinnen. Nixon wiederum bemühte sich um eine Entspannungspolitik im Kalten Krieg, weil sie den realen Gegebenheiten angemessener erschien und den Interessen des Imperiums besser diente. „Tauben“ waren sie beide deshalb nicht.
Dazu noch eine kleine Geschichte: Als Richard Nixon auf Staatsbesuch in der Bundesrepublik weilte und wie üblich in irgendeiner westdeutschen Stadt durchs Jubelspalier fuhr, ließ eine Frau ihre Tauben aus dem Verschlag steigen. Sie wollte Nixon als Friedensfürsten ehren. Eine der Tauben flog nahe heran, hätte sich Nixon gerne auf die Schulter gesetzt. Der wehrte erschrocken ab, dachte wohl, die Taube enthielte eine Bombe. Ob sie ihn wenigstens bekleckert hat, ist nicht überliefert.
Aus: Ossietzky Nr. 10/2010
- Kunst und Politik
- Noch bis Ende Januar ist in Frankfurt am Main in der Schirn die Ausstellung „Courbet. Ein
- Traum von der Moderne“ zu sehen. Sie bietet einen einmaligen Blick auf die Natur- und
- Menschendarstellung des Künstlers. Was ist aber davon zu halten, daß sie ganz neue Aspekte
- dieses Werkes zeigen will? Courbet sei bisher einseitig als politisch engagierter, realistischer
- Maler gewertet worden. In Wirklichkeit sei er eher ein romantischer Träumer gewesen,
- dessen Malweise bereits viele spätere Errungenschaften der Moderne wie die „Befreiung der
- Farbe“ ahnen lasse, ein Vorläufer von Cézanne und anderen.
Es gehört zum Event-Marketing des Kulturbetriebs, so etwas zu verkünden. Alle Zeitungen plappern es nach, das steigert das Interesse und bringt höhere Besucherzahlen. Aber stimmt es denn, oder ist wenigstens etwas dran?
Nur dann, wenn man, wie in der Kunstwissenschaft und im Feuilleton leider üblich, unter Realismus die mehr oder weniger genaue Widerspiegelung des Gegenstands versteht und nicht eine Haltung zur Wirklichkeit. Courbet selbst sagte dazu: „Realist sein bedeutet, ein aufrichtiger Freund der wirklichen Wahrheit zu sein“. Bloße Wiedergabe der Phänomene hat er damit bestimmt nicht gemeint.
Der Versuch einer Neubewertung Courbets hat offenbar den Zweck, ihn und sein Werk zu entpolitisieren und es zeitgemäß umzuinterpretieren. Ein Beispiel: Das Bild „Die Woge“ von 1869 wurde 1979, als schon einmal eine große Courbet-Ausstellung in Frankfurt stattfand, im Katalog als Absage des Malers „an jene bürgerliche Mentalität seiner Zeit, die sich Natur erklärbar und verfügbar wünschte“, bezeichnet. Der Kunsthistoriker und Courbet-Spezialist Klaus Herding, der an der damaligen Ausstellung beteiligt war und die jetzige konzipiert hat, gab den zusätzlichen Hinweis: „Das Meer ist im Französischen eine häufig verwendete Metapher für das Volk“.
Damit wurde das Bild in Beziehung gesetzt zur politischen Situation Frankreichs am Vorabend des Krieges von 1870/71 und der Pariser Commune. Die französischen Besitzbürger konnten sich von Courbets Woge bedroht fühlen, zumal sie vor seiner ungeschlachten Maltechnik und seinen „schmutzigen Farben“ sowieso einen Horror hatten.
Wie stellt sich das nun im Katalog von 2010 dar? Klaus Herding interpretiert „Die Woge“ jetzt so: „Wahrscheinlich hat Courbet damit nicht nur seine seit 1850 propagierten antizivilisatorischen Grundsätze, sondern auch bereits Darwins ‚struggle for life’ verbilden wollen. Durch Proudhon konnte er von Darwin gehört haben.“ Im Begleitfilm, der in der Ausstellung gezeigt wird, heißt es noch apodiktischer: „Courbet betrachtet die Landschaft als Spiegel des Daseinskampfes.“
Courbet – ein früher Promoter des „Kampfes ums Dasein“, bei dem die Konkurrenz aller gegen alle und die daraus resultierenden Verhaltensweisen etwas Naturgegebenes, genetisch Angelegtes sind, nach dem Motto: Fressen oder gefressen werden? Bei einem Bildergespräch zur „Woge“ sagten die Teilnehmer, daß sie dies in dem Bild nicht entdecken könnten und wollten. Auf die Frage, warum es dann so im Katalog stehe, meinte eine junge Teilnehmerin spöttisch und treffend: „Wegen Thilo Sarrazin“.
Courbet selbst hätte sich der modisch-zeitgeistigen Interpretation seines Werkes durch Klaus Herding kaum angeschlossen. Zu seiner politischen und künstlerischen Haltung sagte er: „Ich bin nicht nur Sozialist, sondern auch Demokrat und Republikaner, kurz, ich unterstütze die ganze Revolution, und vor allem bin ich ganz Realist.“
Gegen den Mainstream des Feuilletons stand wie stets Eduard Beaucamp mit seiner Rezension der Ausstellung. In der FAZ schrieb er: „Rebell von 1848, Klassenkämpfer von 1871 und zugleich inwendiger, zeitvergessener und weltabgewandter Melancholiker, realistischer Programmmaler und zugleich bedeutungsschwangerer Symbolist und Romantiker (…) Wir sollten Courbet in seiner Vielfalt und Ambivalenz bewundern. Auch der politische Rebell und Unruhestifter hat keineswegs ausgedient. Die gesellschaftlichen Konflikte, die ihn umtrieben, sind nicht überwunden.“
Aus: Ossietzky Nr. 2/2011
Marokkanische Impressionen
Marokko ist unter den Ländern des Maghreb ein Sonderfall. Die sozialen Probleme sind zwar vergleichbar mit denen anderer Länder dieser Region: eine hohe Arbeitslosigkeit besonders unter den Jugendlichen, das Auseinanderdriften von Arm und Reich, die negativen Folgen einer Modernisierung unter neoliberalen Vorzeichen. Was mit einer blumigen Wortschöpfung „Arabellion“ genannt wird, trifft hier aber auf ein funktionierendes Königtum mit jahrhundertealter Tradition.
Am 20. Februar 2011 gingen in Marokko Hunderttausende auf die Straße. In der daraus entstandenen „Bewegung des 20. Februar“ zeigen sich auch antimonarchistische Tendenzen. Sie sind aber nicht mehrheitsfähig. Mit wem immer wir auf unserer Rundreise darüber sprechen – jeder sagt uns, daß der 1999 inthronisierte König Mohammed VI., anders als sein Vater, reformbereit, ja geradezu der Mentor sozialer Reformen sei. Nur die Politiker in seiner Umgebung seien „Diebe“.
Anfang Juli letzten Jahres gab es ein Referendum, bei dem fast alle, die daran teilnahmen, für eine Verfassungsänderung stimmten, nach der Marokko eine „konstitutionelle, parlamentarische, soziale und demokratische Monarchie“ sein soll. Diese Bezeichnung entspricht nicht unserem Verständnis von Demokratie, denn nach wie vor bleibt die Stellung des Königs außerordentlich stark. Er und seine Familie sind auch an bedeutenden Wirtschaftsunternehmen beteiligt. „Gott – Vaterland – König“ ist eine Parole, die wir mitten in karger Landschaft mit Steinen ausgelegt auf einem Bergrücken sehen. Andererseits sind in der Verfassung Menschenrechte wie das „Recht auf Leben“, das Folterverbot, die Geltung internationaler Konventionen und die Gleichberechtigung der Geschlechter festgeschrieben. Es wird, wie immer, auf die Praxis ankommen. Bemerkenswert ist, daß zum Beispiel Marrakesch, die viertgrößte Stadt des Landes, eine Frau als Oberbürgermeisterin hat, die sich nicht scheut, gegen heftige Widerstände Korruptionsaffären in der Verwaltung aufzudecken.
Am 25. November 2011 fanden vorgezogene Wahlen zur Nationalversammlung statt, aus denen die gemäßigten Islamisten der Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (PJD) als Sieger hervorgingen. Die PJD verspricht unter anderem die Anhebung des Mindestlohns um 50 Prozent und eine Bekämpfung der Korruption. Zum ersten Mal wurde gemäß der neuen Verfassung der Führer der Partei, die die meisten Abgeordneten stellt, mit der Regierungsbildung beauftragt. Wie wir französischsprachigen Zeitungen entnehmen, die in Marokko seit den Zeiten der Okkupation durch Frankreich erscheinen, gab es im Vorfeld der Wahlen lebhafte Debatten um eine Neustrukturierung der Parteien und der politischen Lager. Das Spektrum reicht von Traditionalisten bis hin zu Sozialisten, deren soziale Basis aber angesichts der noch vergleichsweise geringen Industrialisierung des Landes nicht groß ist.
„Marokko, das Land der Pferde“ – unter diesem Titel will eine Anzeige der Marokkanischen Agentur für Investitionsentwicklung im Spiegel (Heft 47/11) ausländisches Kapital ins Land locken. Gezeigt werden moderne Pferdestärken – eine Taktstraße der Automobilproduktion in Casablanca. Im Text ist die Rede von der „optimalen geographischen Lage in unmittelbarer Nähe zu Ihren Kunden in Europa“ und dem „umfassend qualifizierten Personal für Ihre Branche“. Bisher hat die Nähe Marokkos zu Europa vor allem die legale und illegalisierte Arbeitsmigration nach Frankreich und Spanien gefördert.
Überall in den Dörfern des Südens sehen wir neue, recht geräumige Häuser, die sich die im Ausland arbeitenden Marokkaner von ihrem Ersparten bauen. Es sieht so aus, als gäbe es keine Landflucht. Im Unterschied zu den traditionellen Häusern aus Stampflehm, die alle Farbnuancen der verwendeten Erde von Braun bis Rot aufweisen, sind die neuen aus Beton. Sie werden, da sie angestrichen werden müssen, zu einer größeren Farbvielfalt in den Dörfern führen. Zugleich wird damit der Unterschied zur umgebenden Natur betont werden, was in einer für europäische Augen überraschenden Weise bisher nicht der Fall ist.
Viele der in Marokko Kasbah genannten festungs- und burgartigen Lehmgebäude der früheren feudalen oder reichen Familien sind verfallen wie bei uns die romantischen Burgruinen am Rhein. Ihre Türme werden allmählich vom Regen heruntergewaschen oder sie bröckeln unter der Sonne weg. Ein ketzerischer Gedanke: Wenn doch nur die Frankfurter Banktürme in gleicher Weise Opfer des meteorologischen und sozialen Klimawandels würden!
Auf der Fahrt durch den Süden sehen wir, wie sich grüne Oasen entlang von Flußläufen oder an Wasserstellen zwischen verkarsteten Bergen und Geröllwüsten behaupten. Hier und da liegen bunte Teppiche auf den abgeernteten Feldern, und auf den flachen Dächern der Häuser reifen die ausgebreiteten Datteln nach. Datteln sind im Süden die Haupteinnahmequelle der Bauern und ein wichtiges Exportgut. Es sollen weitere Hunderttausende Dattelpalmen angepflanzt werden. Aufforstungsversuche mit anderen Nutzbäumen außerhalb der Oasen sind bisher oft fehlgeschlagen.
Stolz erzählt uns unser marokkanischer Reiseführer, daß gerade eben ein weiteres Abkommen mit der Firma Siemens über die Produktion von Solarstrom in der Wüste abgeschlossen worden sei. Er begrüßt den Ausstieg aus der Nutzung der Atomkraft in Deutschland und ist auch kein Freund der Mineralölwirtschaft. Vielleicht liegt das daran, daß Marokko über diese Ressource nicht in nennenswertem Ausmaß verfügt und – anders als das Nachbarland Algerien – Erdöl und Erdgas teuer importieren muß.
Ein wichtiges Produkt in der wüstennahen Region des Landes sind Gebrauchsgegenstände aus Sedimentgestein, in dem sich die phantastischsten Umrisse von Urtieren abzeichnen. Mit großer Sorgfalt und Geduld werden in den Werkstätten einzelne Versteinerungen herausgearbeitet, die sich offenbar in so großer Zahl finden, daß sie frei verkauft werden können, statt allein in naturkundliche Museen zu wandern. Der fließend Deutsch sprechende Vertreter der Firma Morabit Marbre in Erfoud meint dazu: „Wir haben die Zeit, ihr habt das Geld.“ Eine die Verhältnisse treffende Abwandlung des berühmten Spruchs von Benjamin Franklin: Zeit ist Geld. Zugleich eine leicht ironische Aufforderung, etwas zu kaufen.
Die Armut zeigt sich in Marokko nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land. Dörfliche Märkte im Süden gleichen unseren Flohmärkten. Schockierend für sensible Gemüter sind die Stände, an denen direkt an der Straße Fleisch in jeder Form angeboten wird, auch Köpfe mit glotzenden toten Augen, und unmittelbar daneben köchelt auf offenem Feuer in Tahine-Tontöpfen das schnelle billige Mittagessen.
Marokko – ein Land der Gegensätze. Im Souk von Marrakesch fühlen wir uns einen Moment lang in die Märchenwelt des Orients versetzt. Bis mit dem lauten Ausruf „Attention“ ein Mofa-Fahrer, der etwas in den engen Gassen zu transportieren hat, uns aus allen Träumen reißt und mit einer Wolke von Auspuffgasen umnebelt. Immerhin gibt es jetzt eine königliche Stiftung, die das Umweltbewußtsein von Schülern fördern soll.
Immer wieder öffnet sich mitten im Bazar unvermutet die Ladenreihe, der Eingang zu einer kleinen Moschee wird sichtbar, kostbare Ornamente zeigen den ganzen Reichtum der islamischen Kultur. Im Unterschied zur Türkei ist Nicht-Muslimen in Marokko der Zugang zu Moscheen verwehrt, so daß wir nur einen kurzen Blick ins Innere werfen können.
Im Kontrast zu den Dörfern, den Slums und den ärmeren Vierteln stehen neue Siedlungen in der Umgebung der Großstädte mit erschwinglichen Eigentumswohnungen für die neue Mittelschicht. Daß Marokko – trotz guter Zuwachsraten in den letzten Jahren – nicht von der Krise verschont bleibt, zeigt eine Karikatur in einem Wirtschaftsblatt. Da sieht man einen Europäer bis zum Hals in einem mit brauner Masse gefüllten Pool stecken, und ein Marokkaner ruft ihm zu: „Wir wissen ja, daß du tief drinsteckst, aber kannst du uns nicht noch ein paar Jeans abkaufen?“ Eine Anspielung darauf, daß der Export der marokkanischen Textilindustrie nach Europa zurückgegangen ist.
Direkt an die Palastmauern in Fes, einer der Königsstädte des Nordens, ist die alte Straße der Juden gebaut. Sie stehen unter dem besonderen Schutz des Königs, seit sie nach der christlichen Reconquista zusammen mit den Mauren aus Spanien fliehen mußten. Die Frage, ob der Nahostkonflikt nicht das traditionell gute Verhältnis zu den Juden überschatte, verneint unser Stadtführer in Fes: „Vergessen Sie nicht, wir sind mehrheitlich Berber, keine Araber.“ Im Hotel in Erfoud erleben wir eine Gruppe von Juden aus Israel, die wie selbstverständlich ihr ehemaliges Heimatland besuchen. In der Kasbah von Ouerzazate, am Rande der Wüste, zeigt uns ein junger Mann, der auf der Hotelfachschule Deutsch gelernt hat, mitten in den Ornamenten und Arabesken einer Decke vier Judensterne – eine Ehrung für die Juden, die den Berbern die Wissenschaften und den Handel beibrachten.
Einen Sonnenuntergang in der Sahara zu erleben gehört zum touristischen Standardprogramm. Wir verzichten auf den obligatorischen Kamelritt auf die Düne, haben aber keine Chance, ungestört zu bleiben. Zwei Wüstensöhne im malerischen Outfit heften sich an unsere Fersen und lassen uns nicht mehr los. Sie erzählen uns bei tiefer sinkender Sonne von den Schattenseiten der Wüste: Im Winter sei sie zu kalt und im Sommer zu heiß für die Touristen. Da hätten sie dann kein Einkommen. Wir seien nur einen Tag da, sie müßten hier leben. Trotz unseres Alters seien wir noch erstaunlich fit, während ihre Eltern schon mit Fünfzig alt und verbraucht seien. Einmal im Leben solle jeder die Wüste sehen, damit er die andere Seite des Lebens erfahre. Vielleicht sei es an der Zeit, daß die Berber eine Expedition nach Deutschland machten, so wie wir diese Expedition in die Wüste unternähmen. Was den Islam betrifft, so lebten sie ihn ohne Abstriche und Schnörkel, erfüllten alle Gebote. Von den Wahlen sei nichts weiter zu erwarten. Die Reichen blieben reich und die Armen arm. Aber der König sei ein guter König.
Aus: Ossietzky Nr. 3/2012
Schönheit und Ordnung
Einer der Edel-Läden, die sich im Bankenviertel von Frankfurt am Main immer breiter machen. Sein Name klingt italienisch. Die Einrichtung scheint zugleich die Ausstellung zu sein – oder umgekehrt. Dunkle Hölzer, einfache rechteckige Formen, mittendrin eine große helle Wanne aus Stein oder Kunststoff. An einem Tisch schwarz Gewandete, ein paar jüngere Frauen im Kostüm. Sparsame Gesten und Gespräche. Mit spitzen Stäbchen nehmen sie Sushi-Happen auf, nippen am Sekt. Alles spielt sich hinter den Scheiben wie in Zeitlupe ab. Nur die Bedienerin huscht hin und her, bringt etwas und serviert etwas ab.
Eine Wand des Ladens fällt aus dem Rahmen. Rauher Putz mit tiefen Furchen und Zwischenräumen, als ob dort Kacheln angebracht gewesen wären oder angebracht werden sollen. Von den Handwerkern hingekritzelte Nummern, Pfeile in verschiedene Richtungen. Das sieht spannender aus als alles andere hier, fast wie Kunst. Doch dieser Verdacht darf nicht aufkommen. Deshalb das Hinweisschild in vornehmem Englisch: »under construction«. Damit jeder weiß, daß auch dort bald wieder Ordnung und Schönheit herrschen werden.
Aus: Ossietzky Nr. 13/2012
Aufgeblasen
Ist das Kunst? Das fragen sich viele Besucher der diesjährigen Documenta, wenn sie vor dem Schrotthaufen hinter dem Nordflügel des Kasseler »Kulturbahnhofs« stehen. Für ihn kann ja nicht einmal das leicht zynische Kriterium gelten: Kunst ist, was sich im Museum befindet. Denn er liegt einfach so da, in aller Öffentlichkeit, neben der Straße, als handele es sich um einen gewöhnlichen Schrotthaufen. Immerhin ist er durch eine weiße Linie abgegrenzt, die man nicht überschreiten soll. Anzeichen einer bewußten Gestaltung sind zu erkennen. Eine Tafel mit dem Namen der Künstlerin gibt es auch.
Kunst oder Schrott? Oder Schrottkunst? Fragt man Besucher, kommen sie auf Ideen. Diese Installation sei ein Hinweis auf die Vergänglichkeit aller Dinge – memento mori. Oder, historisch konkreter: auf die Vergänglichkeit unserer kapitalistischen Warenwelt. Zu sehen sei auch, wie Formen ihre Funktion verlieren. Plötzlich entdeckt einer ein Kanonenrohr. Es scheint von einem Panzer zu stammen. Assoziationen an die Waffenproduktion in Kassel liegen nahe und werden ausgesprochen: Henschel, Krauss-Maffei Wegmann. Der Haufen Schrott erinnert nun an Krieg und Zerstörung, auch an gegenwärtige Kriege, an denen deutsche Truppen beteiligt sind. Er ist in den Augen einzelner Betrachter zu einem symbolischen Gebilde mit aktueller Bedeutung geworden. Zu Kunst eben, die für die Zeit der Documenta Bestand hat.
Ganz anders die parallel zur Documenta laufende Ausstellung des US-amerikanischen Starkünstlers Jeff Koons in gleich zwei Museen in Frankfurt am Main. Seine Plastiken aus bunt glänzendem Metall sind wie für die Ewigkeit geschaffen. Kein Stäubchen ist auf ihrer Oberfläche zu sehen, zu schweigen von einem Rostfleck oder auch nur einer Schweißnaht. An Schrott zu denken wäre hier geradezu blasphemisch. Man sieht höchste handwerkliche Präzision und Perfektion. Wertarbeit aus einer hessischen Werkstatt nach den Entwürfen des Künstlers. Jeff Koons erzielt im Moment schwindelerregende Preise auf dem globalisierten Kunstmarkt und, synchron dazu, als wäre dies schon ein Ausweis von Qualität, wird er in den meisten Feuilletons gepriesen, nachdem er früher dort eher als Kitschproduzent galt. An den Frankfurter Litfaßsäulen hängen überdimensionale Plakate mit einer Nippes-Figur aus Porzellan, die Michael Jackson zusammen mit einem Affen darstellt, beide in goldenen Gewändern. Die Parole dazu klingt wie aus einem schlechten Werbefilm: Must see! – das müssen Sie unbedingt gesehen haben.
Koons ist wie sein Kollege und Freund Damien Hirst ein Meister der (Selbst-) Inszenierung. Wie Hirst liebt er das Blow up, die großen Formate, die aufgepumpten Figuren, die wunderbar zur zeitgenössischen Blasen-Ökonomie passen, ja deren kongenialer Ausdruck sind. Sie werden gekauft und wieder verkauft wie hochspekulative Wertpapiere – gewissermaßen als Kunst-Derivate. Damit die Spekulation aufgeht, müssen die Werke von Hirst und Koons (und die anderer zeitgenössischer Kunstmarktkünstler) in seriösen Häusern durch Ausstellungen geadelt werden. Der um sie veranstaltete Hype treibt die Besucherzahlen in die Höhe, das macht Kasse und bringt Sponsoren.
Kuratoren und Kunstwissenschaftler müssen die Bedeutung dieser Werke beschwören, ihnen tieferen Sinn zuschreiben, auch wenn es sich, wie bei Koons, um den hypertrophen Nachbau von auf Jahrmärkten an Kinder verkauften Hündchen handelt, die mit wenigen Handgriffen aus Luftballons gefertigt werden. Bei Koons sind sie zu erhabenen Standbildern mutiert, die in der Sonne glitzern wie Weihnachtsbaumkugeln. Selten gab es eine Kunst, die so eingängig ist, so glatt, schmerzlos und widerspruchsfrei zu konsumieren. Selbst wenn man einen Funken Ironie unterstellt, ist es nicht mehr als ein Augenzwinkern, das Einverständnis mit den Verhältnissen signalisiert, wie sie nun einmal sind.
Die Millionäre und Milliardäre, die diese Kunst sammeln und dafür sorgen, daß sie überall ausgestellt wird, können dreifach zufrieden sein. Sie haben ihr Geld im Augenblick wertbeständig oder sogar wertsteigernd untergebracht, sie können sich an Werken erfreuen, die ihnen keine kritischen Fragen stellen, und sie haben das beruhigende Gefühl, daß das gemeine Volk und die gekauften Intellektuellen eine magentafarben schillernde »Balloon Venus« und all die anderen aufgeblasenen Sachen von Jeff Koons anstaunen wie antike Idole, also nicht auf dumme Gedanken kommen. Bis das Kind aus dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern erscheint und sagt: Das sind doch nur schöne Luftballons.
Aus: Ossietzky Nr. 15/16, 2012
Millionen fehlen ihr
Ausgerechnet an dem Tag, an dem der vorläufige Insolvenzverwalter der Frankfurter Rundschau auf einer Belegschaftsversammlung Hoffnung auf ein Weiterbestehen der Zeitung machte, hat sie ihre geschichtspolitische Insolvenz erklärt. Inmitten der Titelseite prangte eine Bild-Text-Montage: »Millionen standen hinter ihm«. Der Text unter dieser Schlagzeile: »Vor 80 Jahren wurde Hitler Reichskanzler. An die Macht trug ihn die erste moderne Volkspartei. Die NSDAP vereinte Bauern und Städter, Arbeiter und Bürger, Nord- und Süddeutsche, Katholiken und Protestanten, Junge und Alte, Männer und Frauen.« Besser hätte es die Propaganda der NSDAP selbst nicht ausdrücken können. Das Foto dazu, aus den Geschichtsbüchern bekannt, zeigt Hitler am 30. Januar 1933 im Fenster der Reichskanzlei, den rechten Arm zum Gruß erhoben. Unter ihm die Menge der Jubler.
In John Heartfields berühmter Fotomontage »Der Sinn des Hitlergrußes« lautet die von der FR parodierte Parole: »Millionen stehen hinter mir«. Visualisiert wird das durch eine überdimensionale gesichtslose Figur, die hinter dem »Führer« steht und ihm von oben Geldscheine in die Grußhand legt. Gemeint sind die Zuwendungen, die die NSDAP vor und nach 1933 von Großunternehmern und Banken dafür bekam, daß sie deren Interessen vertrat. Gemeint sind auch die vielfältigen Interventionen aus Kreisen der Industrie, um Hitler an die Macht zu bringen.
Dorthin gebracht werden mußte er, weil seine Partei zum Zeitpunkt der Regierungsübernahme gerade einmal ein Drittel der Wähler hinter sich vereinte, also nicht einmal so viele wie die heutige »Volkspartei« CDU/CSU. Keinesfalls ist Hitler, wie die Legende es will und wie es nun auch die Frankfurter Rundschau zu suggerieren scheint, alternativlos von einer Mehrheit der Deutschen oder einer allgemeinen Zustimmungswelle an die Macht »getragen« worden.
Die im August 1945 von Antifaschisten gegründete Zeitung will von diesen geschichtlichen Sachverhalten offenbar nichts mehr wissen, wie sonst hätte sie zielbewußt Götz Aly damit beauftragt, den Artikel zum Thema zu verfassen. Auf zwei Seiten im Feuilleton breitete er seine Thesen aus, die auf das altbekannte Totalitarismus-Schema hinauslaufen und nur den einen Sinn haben können, die führenden Schichten der Weimarer Republik von ihrer Verantwortung für das NS-Regime zu entlasten.
Wie in solchen Darstellungen üblich, wird der Schein für das Wesen der Sache gehalten und die Selbstdarstellung der Nazis für bare Münze genommen. So konstatiert Aly, daß die NSDAP »keine Klassenpartei« gewesen sei, nimmt ihr also ab, die »Volksgemeinschaft« vertreten zu haben. »Hitler stand für das Neue« – aber wie und für wen? »Anders als die Sozialisten predigte Hitler nicht den internationalen, sondern den nationalen Sozialismus.«
Als bald nach der »nationalen Revolution« einige naive Parteigenossen nachfragten, wo denn nun die soziale, die Revolution in der Wirtschaft bliebe, bekamen sie die Antwort, im »geistigen Sinne« sei bereits alles sozialisiert.
In seinem 2011 erschienenen Buch »Warum die Deutschen? Warum die Juden?« hatte Götz Aly bereits Horkheimers Diktum, wer vom Faschismus reden wolle, dürfe vom Kapitalismus nicht schweigen, zeitgemäß abgewandelt: »Wer nicht von der langen und verhängnisvollen Tradition eines am Ende regelrecht eingefleischten und bis heute wirksamen deutschen Antiliberalismus sprechen mag, sollte vom volkskollektivistischen Exzeß des Nationalsozialismus besser schweigen.« Die braune Diktatur als »Volkskollektivismus«, Weltkrieg und Völkermord als »Exzesse« – das muß ihm erst einmal jemand nachmachen.
Falls die FR von der Frankfurter Allgemeinen, wie geplant, übernommen wird, hat die Redaktion schon einmal eine Glanzleistung an Anpassungsfähigkeit erbracht. Denn was Götz Aly hier zur Deutung des finstersten Kapitels der deutschen Geschichte aufschreiben durfte, hat der langjährige FAZ-Herausgeber Joachim C. Fest so oder so ähnlich auch immer geschrieben.
Aus: Ossietzky Nr. 4/2013
Verpaßte Chance
Bis Anfang Oktober ist im Frankfurter Jüdischen Museum die Ausstellung »Juden. Geld. Eine Vorstellung« zu sehen. Mutig versucht sie, ein immer noch tabuiertes Thema anzugehen: den Antisemitismus als scheinhaften, abgefälschten, umfunktionierten Antikapitalismus. Das Thema ist aktuell, gerade in der Krise wird wieder verstärkt nach Sündenböcken gesucht. Die Vorstellung, daß Juden und Geld zusammengehören, ist in homöopathischer Verdünnung nach wie vor in den Köpfen einer Mehrheit der Deutschen virulent. Von anderen Ländern – wie etwa Ungarn – ganz zu schweigen.
Um es gleich zu sagen: Die Ausstellung scheitert mit ihrem Anspruch, aufzuklären, weil sie das antisemitische Stereotyp nur »wendet«. Die falsche Gleichsetzung Juden/Geld wird – auch im Katalog, der ansonsten lesenswerte Beiträge enthält – dazu benutzt, um Kapitalismuskritikern vorzuwerfen, sie hätten etwas gegen Juden beziehungsweise ihre Argumente ähnelten »strukturell« den Phantasien der Antisemiten.
Die Beweisführung geht dabei so: An einer Wand der Abteilung »Kapitalismusdebatten« ist in großen Lettern zu lesen, daß Karl Marx eine Art Stammvater des Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert gewesen sei. Zitat: »Als Karl Marx Mitte des 19. Jahrhunderts versuchte, das kapitalistische Wirtschaftssystem theoretisch zu beschreiben, fand er eine rhetorische Figur dafür. Wie er bereits in seinem Aufsatz Zur Judenfrage (1844) ausführte, waren für ihn Kapitalist und Jude schlichtweg synonym. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war diese Verbindung von Kapitalismus und Judentum bereits für viele Wirtschaftstheoretiker und Sozialwissenschaftler selbstverständlich – sowohl für diejenigen, die sich für dieses Wirtschaftssystem aussprachen, als auch für andere, welche dem Kapitalismus kritisch gegenüberstanden.«
Den Macherinnen und Machern der Ausstellung wäre, wenn sie ihre eigene Inszenierung ernst genommen und ein wenig nachgedacht hätten, sicherlich aufgefallen, daß an diesem Text etwas nicht stimmen kann. Denn direkt unter ihm haben sie alle drei Bände von Marxens Hauptwerk auslegen lassen. Dessen Titel lautet bekanntlich »Das Kapital« – und nicht »Der Kapitalist« oder gar »Der Geldjude«. Von wegen Synonymität. Und es handelt sich bei diesem Werk auch keineswegs nur um einen »Versuch, das kapitalistische Wirtschaftssystem theoretisch zu beschreiben«, sondern um eine Analyse von dessen innersten Mechanismen.
Marx ging es um die objektiven Gesetzmäßigkeiten der Ausbeutung von Mensch und Natur, nicht um den Charakter, die Religion, die ethnische Zugehörigkeit oder die persönlichen Überzeugungen der Ausbeuter. Selbst in seiner umstrittenen Frühschrift »Zur Judenfrage«, die in der Tat mit ressentimentbeladenen Metaphern gespickt ist, kommt er zu dem Schluß, die Christen seien in der modernen Zeit selbst zu »Juden« geworden. Das heißt doch, daß es nicht länger möglich ist, das »raffende Kapital« allein den Juden zuzuschreiben und alle negativen Begleiterscheinungen der kapitalistischen Geldwirtschaft auf sie zu projizieren, sondern daß sich alle an die eigene Nase fassen müssen.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ist die »Verbindung von Kapitalismus und Judentum« gerade nicht von der sozialistischen Linken und ihren Theoretikern, sondern vorzugsweise von der politischen Reaktion und deren geistigen Wegbereitern in Wort und Bild propagiert worden. An vorderster Stelle Richard Wagner, der in der Ausstellung – trotz oder wegen seines Jubiläumsjahres – auffallend geschont und nur mit einer Stelle aus »Das Judentum in der Musik« (1850) zitiert wird: »Der Jude ist, nach dem gegenwärtigen Stande der Weltdinge, wirklich bereits mehr als emancipiert: er herrscht, und wird so lange herrschen als das Geld die Macht bleibt, vor der all unser Thun und Treiben seine Kraft verliert.« Wagners Machwerk war quasi das dunkle Gegenstück zum zwei Jahre vorher erschienenen Kommunistischen Manifest von Marx und Engels.
Die systematische Verwechslung von Geld und Kapital, die daraus resultierende Stoßrichtung gegen die »Herrschaft des Geldes« und die »Zinsknechtschaft« (so der NS-Ideologe Gottfried Feder) dienen letztlich dazu, eine Unterscheidung zwischen »bösem« fremden und »gutem« eigenen Kapital vornehmen zu können. Leider waren und sind immer wieder auch Linke für eine solche oberflächliche, verkürzte, antisemitisch und »national-sozialistisch« wendbare Kapitalismuskritik anfällig, die eine eindeutige Funktion erfüllt: kritische Gedanken, Gefühle, Energien und Handlungsimpulse werden auf Ersatzfeinde ab- und umgelenkt, so daß die Reichen und Mächtigen ruhiger schlafen können.
Sollte letzteres etwa auch die geheime oder unbewußte Agenda der Ausstellung sein? Der Verdacht liegt nahe, wenn man sieht, wie durch scheinbar passende Text- und Bildzitate die Occupy-Bewegung assoziativ in die Nähe der Judenfeindlichkeit gerückt wird, wie wieder einmal Rainer Werner Fassbinders Stück »Die Stadt, der Müll und der Tod« schlicht als antisemitisch gilt, als ob es zu ihm nicht eine langjährige kontroverse, auch wissenschaftlich geführte Debatte gäbe.
Ausgerechnet die Finanzministerin der (bis vor kurzem) Steueroase Österreich darf im Katalog das letzte Wort behalten. Maria Fekter langt zu: »Wir bauen gerade enorme Feindbilder in Europa auf: gegen die Banker, gegen die Reichen, gegen die Vermögenden. So etwas hatten wir schon einmal, damals war es dann verbrämt unter gegen ›die Juden‹, aber gemeint waren damals ähnliche Gruppierungen und es hat zwei Mal in einem Krieg geendet.«
Es versteht sich, daß die Feuilletons, allen voran das der Frankfurter Rundschau und das der Frankfurter Allgemeinen, als Erkenntnis und Botschaft der Ausstellung verkündeten, beim Antisemitismus handele es sich tatsächlich um einen »diffusen« Antikapitalismus, keinesfalls um einen im Kapitalinteresse vorgetäuschten. In der Nacht sind eben alle Katzen grau.
»Antikapitalismus und Antisemitismus gehen seit jeher Hand in Hand«, brachte es die FAZ auf den denunziatorischen Punkt.
Die Ausstellung ist von der Deutschen Bank gefördert worden. Die Deutsche Bank hat bestimmt keinen Anlaß, mit ihr unzufrieden zu sein.
Wieder einmal ist eine Chance zur Aufklärung vertan worden – bei großer Materialfülle, einer sehr aufwendigen Installation und guten Katalogbeiträgen.
Aus: Ossietzky Nr. 17/2013
Die Kunst der Straße
Noch bis zum 15. Februar 2014 ist in der Landesbibliothek Wiesbaden unter dem Titel »Die Kunst der Straße – Graffiti und Streetart« eine Ausstellung mit Fotografien von Andreas Stahl zu sehen.
Im Begriff »Kunst der Straße« schwingt beides mit: Eine Vorstellung von populärer, den meisten oder sogar allen zugänglicher Kunst – und die Vorstellung von einer Kunst, die eingreift, die Menschen in Bewegung bringt, mobilisiert. Für Wandbilder, Plakate und Spray-Aktionen, die im Zusammenhang sozialer Bewegungen entstehen, gilt Letzteres im besten Fall.
Die in der Ausstellung gezeigten Beispiele von Graffiti und Wandmalereien sind, mit einigen Ausnahmen, eher ephemerer, beiläufiger, alltäglicher Art. Vieles mit Schablone gemacht, locker gestaltete Aufschriften mehr oder weniger poetischen, philosophischen oder politischen Gehalts.
Andreas Stahl hat sich auf das konzentriert, was ihm als Passant beim Flanieren in den von ihm besuchten Städten zufällig vor die Augen und vor die Kamera kam – und was andere vielleicht eher übersehen oder nicht für wert betrachten würden, es im Bild festzuhalten. Er würdigt es als Zeugnis eines Bemühens, die städtische Umwelt nicht einfach hinzunehmen, sondern sie durch bildliche Kommentare und Eingriffe mitzugestalten. Es ist der kleine Widerstand, um den es hier geht. Abfotografiert, gerahmt und in einer Ausstellung erneut an die Wand gebracht, wirken diese Bilder anders, manchmal sogar fast archaisch und monumental.
Dem ständigen Prozeß der Anpassung, der Normierung, dem Zwang zur Ordnung wird etwas öffentlich entgegengesetzt. Das erfordert in der heutigen Zeit und in diesem Land schon einigen Mut. Seit einer Gesetzesänderung 2005 ist das Besprayen von Wänden auch dann eine strafbare Handlung, wenn kein weiterer Schaden angerichtet wurde, die Wand nicht beschädigt ist. Vorher wurde in solchen Fällen von einer Strafe abgesehen.
Einerseits wird die arrivierte Streetart bereits in Ausstellungen gefeiert. Heimische Sprayer dürfen am Bauzaun der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main ihre oft naiven oder an populäre Ressentiments grenzenden Bilder gegen das große Geld vorübergehend hinterlassen, bis sie wieder übertüncht werden. Sie wurden in den Frankfurter Tageszeitungen zur Illustration von Artikeln über die Banken und den Protest gegen ihre Macht abgedruckt.
Anderseits heißt es immer noch: »Plakate ankleben verboten!« Wände nach Lust und Laune bemalen sowieso. Aber das Sprayen wird so nicht zu unterbinden sein.
Zeichen an der Wand – die gibt es schon seit dem Beginn der menschlichen Kultur. An Felswänden in der Sahara oder in Australien, in den prähistorischen Höhlen Europas sind die frühesten zu sehen. Ihre Funktionen wandeln sich durch die Zeiten und sind unterschiedlich: magischer Zauber, freies Spiel der Formen, Menetekel, widerständiges Symbol oder spontane Kritzelei. Die Lust, sie zu setzen, und das Bedürfnis nach ihnen werden nie vergehen. Auch die in der Ausstellung gezeigten Beispiele sind ein Beleg dafür.
Aus: Ossietzky Nr. 4/2014
Kulturdebatte in Frankfurt am Main
Es gab einmal eine Zeit, in der statt »kulturell« gerne »soziokulturell« gesagt wurde, um damit zu zeigen, daß man nicht an einem verstaubten bildungsbürgerlichen Kulturbegriff festhalten wollte. Das war auch die Zeit, in der Hilmar Hoffmann, damals sozialdemokratischer Kulturdezernent in Frankfurt am Main, die Parole »Kultur für alle« ausgab. Die Institutionen kultureller Bildung – Theater, Museen, Kunsthallen – sollten sich für Menschen aus den unteren Schichten öffnen, was im Idealfall nicht nur Bemühungen um »Vermittlung«, sondern auch die Wahl anderer Themen und Zugänge bedeutete.
Wenn heute jemand daran erinnern oder anknüpfen möchte, kann es ihm passieren, daß er als »Steinzeit-Sozialdemokrat« bezeichnet wird. So die Schriftstellerin Eva Demski über den Frankfurter Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD), der sich mit fünf Thesen zur Kulturpolitik auf das glatte Parkett der schwarz-grün regierten Mainmetropole begeben hatte. Der Schriftsteller Matthias Altenburg, auch unter dem Namen Jan Seghers als Krimi-Autor bekannt, dekretierte in der F.A.Z.: »Kunst ist Kunst« und tat die alte Formel »Kultur ist, wie der ganze Mensch lebt und arbeitet« als Inbegriff des Gestrigen ab.
Längst überholt müßten dann auch Aussagen wie die folgenden sein: »Ich bin einverstanden damit, daß meine Kunst Zwecke hat. Ich will wirken in dieser Zeit.« (Käthe Kollwitz) – »Kunst ist nicht dazu da, Wohnungen zu verschönern.« (Picasso) – »Das Ziel des erweiterten Kunstbegriffs ist die Befreiung der Arbeit.« (Joseph Beuys)
Womit hatte der Oberbürgermeister die Frankfurter Kulturschaffenden denn so vergrätzt? Die erste seiner Thesen trägt die zweifellos interpretationsbedürftige Überschrift: »Kultur ist Teil der Sozialpolitik.« Der erste Satz dieser These lautet aber unmißverständlich so: »Ich gehe von einem sozialen Kulturbegriff aus.« Daraus machten seine Gegner, Feldmann wolle die Kultur zu einer »Funktion der Sozialpolitik« (Kulturdezernent Felix Semmelroth, CDU) machen und damit ihrer Selbständigkeit berauben. Dabei findet er nur »einen Kulturbegriff nicht ausreichend, der sich aus einem elitären Kunstverständnis speist«.
Da fühlen sich in Frankfurt vermutlich auch diejenigen getroffen, denen die in diesem Jahr erneut erhöhten Eintrittspreise der Museen und die Streichung von Fördermitteln für kleine kulturelle Initiativen kein Problem sind. Denn die aus Steuermitteln hoch subventionierten Plätze in der Oper und im Schauspielhaus können sie sich ja noch allemal leisten. Und höhere Steuern für eine bessere Kultur- und Sozialpolitik kommen für sie schon überhaupt nicht in Frage.
Leider erwähnte Feldmann die immer ungleichere Einkommens-, Vermögens- und Steuerverteilung in seinen Thesen nicht. Stattdessen setzte er sich mit einer häßlichen Metapher vollends in die Nesseln, so daß sein Parteifreund Hilmar Hoffmann, auf den er sich gerne berufen hätte, sich schleunigst von ihm distanzierte. Feldmann bezeichnete nämlich Kulturpolitik als umso erfolgreicher, »je mehr sie sich als Schmiermittel sozialer Infrastruktur, Wirtschaftsförderer und Integrationsmotor« begreife. Viele verstanden das so, als hätte er Kunst und Kultur selbst mit Schmieröl vergleichen wollen – unerhört!
Wieviel vornehmer klingt es doch, wenn man von ihnen, wie es Kulturpolitiker und Vertreter der Wirtschaft mit Vorliebe tun, als »weichen Standortfaktoren« spricht, die in der Konkurrenz der Kommunen und der Konzerne untereinander eine immer größere Rolle spielen. Und wieviel schöner als »Schmiermittel« klingt doch »Sponsoring«!
Der Aufschrei gegen mißverständliche oder mißglückte Formulierungen in den kulturpolitischen Thesen des Frankfurter Oberbürgermeisters wäre glaubwürdiger gewesen, wenn sich die Betreffenden auch kritisch mit den heutigen Formen einer kommerzialisierten Eventkultur und mit den nach wie vor wirksamen sozialen Ausschließungsmechanismen im Kulturbetrieb befassen würden.
Christian Thomas bezeichnete die Positionen vieler Feldmann-Gegner in einem Artikel in der Frankfurter Rundschau zu Recht als »zweckgebundene, parteipolitische Heuchelei« und lehnte die von ihnen propagierte Gleichsetzung von Kultur mit Kunst ab. Aber dann schlug er sich doch auf die Seite derer, die meinen, eine Kritik an der heutigen »Elite- und/oder Hochkultur«, wie sie Feldmann übe, sei selbst nur das Ergebnis eines Ressentiments, das aus dem linken politischen Spektrum stammt und sich aus Unkenntnis speist. Selbst wenn das zutreffen würde, blieben berechtigte Fragen an die Kulturpolitik und an die sozialen und kulturellen Entwicklungen in einer Stadt wie Frankfurt am Main.
Dazu ein kleines, aber bezeichnendes Beispiel: Vermutlich werden 200.000 Besucherinnen und Besucher die Dürer-Ausstellung des Frankfurter Städel gesehen haben, wenn sie zu Ende ist. Kunst für die Massen – keine Spur von Elitekultur also? Spricht man mit denen, die aus der Ausstellung kommen, so haben sie nichts über Dürers Haltung zu den Bauern und zum Bauernkrieg erfahren. Kein Wunder: Die betreffenden Grafiken des »deutschen Meisters« (Städel) fehlen und Hinweise in den Texten gibt es auch nicht. Stattdessen kann man auf einer großen Schrifttafel über Dürers Verhältnis zur damaligen Elite lesen: »Künstler und Kaiser befanden sich in einer Win-win-Situation.«
Als sich eine Gruppe – unangemeldet und ohne den von der Städel-Administration verlangten Aufpreis von 40 Euro für »Fremdführungen« bezahlt zu haben – über Dürers Apokalypse-Zyklus unterhält, wird sie von einer Mitarbeiterin des Hauses – vergeblich – aufgefordert, sich sofort »bei der Security« zu melden und mit dem technischen Equipment für Einbahn-Kommunikation (ein Mikro für die Führungskraft und Kopfhörer für die anderen) ausrüsten zu lassen. Später antwortet die Dame auf die Frage, ob man sie überhaupt bei ihrer Führung einiger weniger Personen gestört habe: »Wissen Sie denn, wen ich da bei mir hatte? Das waren Leute von einem großen potentiellen Sponsor – von KPMG.« Ihre Augen leuchten dabei auf.
Soviel zur »Win-win-Situation« im heutigen Kulturbetrieb einer Stadt wie Frankfurt am Main.
Aus: Ossietzky Nr. 4/2014
Hitlers Pferde
Mit Nazikunst ist immer noch Auflage zu machen. Titelseite der Bild-Zeitung vom 21. Mai 2015: »Sensation bei Groß-Razzia. Polizei findet Hitlers Bronze-Pferd«. Zu sehen ist eines der beiden hypermuskulären Rösser des Bildhauers Josef Thorak, die einst an der Reichskanzlei standen. Daneben ein Foto des »Führers« mit hochgeschlagenem Mantelkragen. Nicht unfesch schaut er aus.
Im Innenteil auf Seite 6: »Der Krimi um die Nazi-Kunst«. Noch einmal ein mehrspaltiges Bild der Reichskanzlei samt Pferd. 1952 wurden die beschlagnahmten Plastiken von der Sowjetunion an die DDR zurückgegeben, fanden Platz neben einer Kaserne in Eberswalde. Vor 26 Jahren verschwanden sie dort und wurden seither gesucht: »Die Spur führt durch ganz Europa, Namen von großen Industriellenfamilien tauchen im Zuge der Nachforschungen auf.«
Hier liegt die Bild-Zeitung falsch, obwohl es denkbar wäre: Noch in der Nachkriegszeit ließen Industriekapitäne gern ihre Köpfe von Thoraks Kollegen Arno Breker modellieren. Inzwischen hat sich aber herausgestellt, daß einer der Beteiligten, der Flick heißt, mit den gleichnamigen Konzerneignern, die Hitler unterstützten und von ihm profitierten, nichts zu tun hat.
»Fakt ist«, schreibt die Bild-Zeitung, »auf dem Schwarzmarkt wurden für die Pferde bis zu vier Millionen Euro geboten. Allein das Material der Bronze-Skulpturen dürfte mehrere Hunderttausend Euro wert sein.«
Als wir 1974 unter der Leitung von Georg Bussmann im Frankfurter Kunstverein die Ausstellung »Kunst im 3. Reich – Dokumente der Unterwerfung« machten, achteten wir darauf, daß die Bildwirkung der zum ersten Mal wieder aus dem Depot geholten faschistischen Machwerke nicht ungebrochen blieb. Wir vertrauten nicht darauf, daß Kitsch, Pomp und inhumane Inhalte sich den Besucherinnen und Besuchern von selbst erschließen würden. So montierten wir den arischen Akt des Adolf Ziegler (seinerzeitiger Spitzname: »Meister des deutschen Schamhaars«) auf ein hochvergrößertes Foto, das Frauen beim Granatendrehen in einem Rüstungsbetrieb zeigte.
Die Macher der Bild-Zeitung kennen den Geschmack ihrer Leserinnen und Leser genau. Sonst hätten sie nicht so einen Erfolg. Auf der ersten Seite und im Innenteil rücken sie die Nazi-Devotionalie ins rechte Licht, um dann auf der zweiten Seite ihren Kolumnisten Franz Josef Wagner (»Post von Wagner«) räsonieren zu lassen: »Ich mag diesen Gedanken nicht weiterdenken, aber wenn die Nazis gesiegt hätten, dann würden wir mit diesen Skulpturen leben. In unseren Parks. Sieg heil, Sieg heil. Wir hätten Muskeln, aber kein Hirn mehr, keine Seele.«
Nun hat die Bild-Zeitung mit ihrer Millionenauflage dafür gesorgt, daß wir wieder mit diesen Skulpturen leben. Franz Josef Wagner soll uns darüber hinwegtrösten. Quasi als »Seele vons Jeschäft«, wie man in Berlin sagen würde.
Aus: Ossietzky Nr. 12/2015
Podemos – Können wir es auch?
Córdoba, im Oktober 2015. Von der krisenhaften Situation Spaniens ist im andalusischen Süden wenig zu spüren. Jedenfalls für Touristen, die wie eh und je in Scharen die Mezquita, die große Moschee, auf der Suche nach dem Geheimnis ihrer Architektur durchwandern. Sie hat kein Zentrum, läuft auf nichts zu, streckt sich in ihrer ursprünglichen Form nicht einmal gen Himmel. Ihre tausend Rundbögen sollen, so heißt es, die Verbundenheit der Menschen untereinander, die Verbindung von allem mit allem, die göttliche Unendlichkeit symbolisieren.
Mitten hinein haben die allerchristlichsten Herrscher nach der Reconquista, der Wiedereroberung des Landes von den Mauren, eine goldstrotzende Kirche gepflanzt. Sie kann einem so vorkommen wie eine frühe Feier des kapitalistischen Prinzips der Reichtumsvermehrung. In der Tat hat Spanien ja seinerzeit als Kolonialmacht Massen von Gold und Silber aus Südamerika geraubt, was den Handelskapitalismus in Europa antrieb. Oder ist das hier eine ungewollte und unbewusste Illustration der antiken Midas-Sage, dass man Gold nicht essen kann, dass es auch nicht den spirituellen Hunger stillt?
Vor einem der süßlichen Seitenaltäre mit christlicher Propaganda regen sich zwei deutsche Touristen auf: Da rede man von der kulturellen Überfremdung Europas durch den Islam, der zu Zeiten Andalusiens überhaupt erst die antike Philosophie und Wissenschaft in diese Breitengrade gebracht hat. Während man in der ehemaligen Moschee von Córdoba den Versuch der Störung und Zerstörung einer Kulturleistung sehen könne. Über das Thema Flüchtlinge fangen wir gar nicht erst an zu reden. Vielleicht hätten sich diese gutmeinenden Bildungsbürger dann von einer anderen Seite gezeigt, vielleicht auch nicht.
Durch Zufall entdecken wir beim Gang durch die Straßen an einem Schaufenster einen bescheidenen Anschlag, der für eine Versammlung der Partei Podemos (deutsch: Wir können es) in einem eher abgelegenen Saal warb. Wir gingen hin. Podemos gilt als Teil der populistischen Welle, die Europa erfasst hat. Wobei die Mainstream-Medien keinen großen Unterschied zwischen Rechts- und Links-populismus sehen und machen. Könnte sein, dass sich Angela Merkel oder ihre Spin-Doktoren von Podemos zu dem Spruch »Wir schaffen das« anregen ließen. Podemos wiederum scheint Barack Obamas Erfolgs-Slogan »Yes we can« geklont zu haben.
Im vollen Saal junge bis mittelalte Leute, wenig Ältere. Eine Stimmung wie bei Teach-ins Ende der 60er Jahre. Auf dem Podium werden Ab- und Neuzugänge von Rednerinnen und Rednern mit herzlichen Umarmungen quittiert. Rhythmisches Klatschen bei besonders kämpferischen Passagen. Angel, ein Soziologe, erklärt uns auf Englisch, dass Podemos nach den im Dezember stattfindenden Wahlen hoffentlich die stärkste Partei sein werde. Wie Syriza in Griechenland. An einer Regierung werde man sich nur beteiligen, wenn man deren Agenda stark bestimmen könne.
Podemos ist dann bei der Wahl nur dritter Sieger geworden (s. Ossietzky 2/2016). Aber die Hauptsache war doch, dass das sklerotische System der konservativen und der sozialdemokratischen Partei, die sich seit Jahrzehnten abwechselten und die Macht teilten, abgelöst wurde. Und dass rechtspopulistische Gruppierungen, im Unterschied zu anderen europäischen Ländern, auch zu Deutschland, keinen Fuß auf den Boden bekommen haben.
In der Ausgabe der Frankfurter Rundschau zum Jahreswechsel schrieb Martin Dahms unter dem Titel »Spanische Vitamine« dazu: »Man male sich aus, dass in Spanien eine ›Nationale Front‹ oder eine ›Alternative für Spanien‹ oder die ›Wahren Spanier‹ bei den Wahlen kurz vor Weihnachten 20 oder 25 Prozent der Stimmen auf sich vereint hätten. Dann würden wir klugen Analysten kluge Analysen liefern: Massenarbeitslosigkeit! Korruption! Abgekoppelte Eliten! Viele Ausländer! Der schlimmste islamistische Terroranschlag auf europäischem Boden! Das sind ja so die üblichen Verdächtigen, wenn ein Land nach rechts abdriftet – sich also von der Politik verabschiedet. Spanien aber antwortet auf die Krise mit neuen politischen Angeboten, einem dezidiert linken (Iglesias‘ Podemos) und einem klassisch liberalen (Riveras Ciudadanos). Für die Politikverweigerer interessiert sich hier niemand.«
Warum ist das so? Weil die übliche Antwort zu einfach erscheint: Soziale Abstiegsängste, Furcht vor »Überfremdung« und vor Terroranschlägen würden den Rechten quasi automatisch Wasser auf die Mühlen treiben, seien der Grund für ihren Erfolg. In Wirklichkeit kommt es vielmehr darauf an, wie auf diese Ängste und Befürchtungen von den etablierten politischen Kräften oder von neu entstehenden Bewegungen reagiert wird. Es kommt darauf an, wie sie interpretiert werden und was aus ihnen folgt.
Was wäre beispielsweise in der jetzigen Situation dringend nötig? Die Flüchtlingsfrage müsste offensiv mit der Verteilungsfrage verknüpft werden. Dann würde es in der öffentlichen Debatte nicht mehr nur um Grenzen der Belastbarkeit gehen, sondern auch darum, wer belastet werden soll. Die Angst ist ja berechtigt, dass wieder einmal die kleinen Leute die Zeche zu zahlen haben. Schon war von Industrielobbyisten zu hören, der Mindestlohn solle gesenkt oder von ihm sollten Ausnahmen gemacht werden, damit die Flüchtlinge möglichst schnell in Lohn und Brot kommen können. Die Migranten als industrielle Reservearmee und als demografische Lückenbüßer – das hätte man gern.
Dabei ist Geld übergenug da im Land, es müsste nur abgeholt werden, bevor es in weltweite spekulative Umlaufbahnen geschossen wird. Dazu müssten die Steuern auf hohe Einkommen, Vermögen und Erbschaften endlich erhöht werden – im Sinne eines Lastenausgleichs. Zwei Drittel der Bundesbürger finden die gegenwärtige Einkommens- und Vermögensverteilung ungerecht. Die Basis für ein Umsteuern ist also gegeben.
Als Begründung dafür kann auch das Verursacherprinzip geltend gemacht werden. Wer jahrzehntelang in der Exportweltmeister-Liga spielt, auch gerade was den Waffenexport angeht, muss irgendwann einmal für die »Kollateralschäden«, die »Risiken und Nebenwirkungen« und »ungeplanten Folgen« aufkommen.
Für die Kosten müssten vor allem diejenigen zur Kasse gebeten werden, die davon am meisten profitiert haben: die Besitzer von Aktien der Exportindustrie, die Inhaber von großen Vermögen, deren Verzinsung durch spekulative Geschäfte in aller Welt gewährleistet wird, die Bezieher von Gewinneinkommen aller Art.
Aus: Ossietzky Nr. 3/2016
Reden hilft – manchmal
Neulich sprach ich mit einem Kommunalpolitiker der CDU. Er ist Mitglied der Sozialausschüsse seiner Partei, hält also Gewerkschaften »nicht für Teufelswerk« und kämpft nach seinen Angaben gegen neoliberale Tendenzen bei den Christdemokraten. Angesprochen auf die ungleiche Einkommens-, Vermögens- und Steuerverteilung im Land konterte er allerdings sofort mit dem bekannten Spruch, dass ein kleiner Teil der Steuerzahler schon jetzt die Hauptlast zu tragen habe. Dass selbst der Chef des keineswegs gewerkschaftsnahen Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, die Ungleichheit der Verteilung in Deutschland mittlerweile für ein ernsthaftes Problem hält, kommentierte er damit, dass man mit Zahlen Verschiedenes beweisen könne.
So weit, so erwartbar und enttäuschend. Was er aber zur AfD zu sagen hatte, ließ tiefer blicken. Die AfD sei nur deshalb so groß geworden, weil in der Vergangenheit vieles im Zusammenhang mit der Migration tabuiert worden sei. Beispielsweise die migrationsfördernden »Pull-Faktoren«, die unter anderem durch Sozialleistungen für Flüchtlinge beziehungsweise Asylbewerber wirksam würden. Man solle gegen die AfD nicht die »Nazi-Keule« schwingen, das bringe nichts. Ich fragte da lieber nicht weiter nach, sondern stellte ihm gleich die Gretchen-Frage, ob er es vorzieht, wenn jemand von der CDU zur Linken überwechselt oder, wie Alexander Gauland, von der CDU zur AfD. Er antwortete nicht. Hoffentlich findet er letzteres aus der Sicht eines treuen CDU-Parteimitglieds wenigstens gleich schlimm.
Als ich ihm zu verdeutlichen versuchte, dass Linke niemals Menschen nach Hautfarbe und Religion sortieren würden, wie Alexander Gauland es im Fall der Fußball-Nationalspieler Boateng und Özil getan hat, zeitigte das bei ihm keine spürbare Wirkung. Ich stellte mir vor, wie er – und andere, denen die Gleichsetzung von Rot und Braun gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen ist – reagieren würde, wenn es einmal hart auf hart ginge. Und erschrak.
In einem aber bewies er dann doch ein überraschendes Verständnis: Die Tatsache, dass die AfD sich als Anwalt der kleinen Leute gerieren möchte, aber in ihrem Programm zur Verteilungsfrage wenig mehr zu sagen hat, als dass es keine Erbschaftsteuer geben soll, fand er geradezu paradox. Darauf angesprochen, dass die AfD die Verteilungsfrage aus der Vertikalen, zwischen Oben und Unten, in die Horizontale, zwischen Innen und Außen, Einheimischen und Fremden verschieben möchte, fand er eine schöne Formulierung dafür: Es gehe also darum, wie die Protagonisten des Verteilungskampfes benannt würden – einigermaßen realistisch beziehungsweise den Tatsachen entsprechend oder vorurteilshaft, ressentimentbeladen und falsch.
So konnte ich mich mit ihm darauf einigen, dass das Gerede von der AfD als »Protestpartei« Wasser auf die Mühlen der rechtspopulistischen Bewegung im Land ist. Die AfD ist keine Protestpartei, sondern eine Partei des falschen oder besser gesagt abgefälschten, interessegeleitet umfunktionierten sozialen Protests. Einer ihrer Vordenker, Marc Jongen, hat das schon in einem Rundfunkinterview verraten, als er davon sprach, es gelte nicht nur, politische Emotionen zu wecken, sondern sie auch zu »kanalisieren«. Die AfD sei dafür geeignet. Diejenigen, an die sich dieses Angebot richtet, werden es zu schätzen wissen.
Aus: Ossietzky Nr. 15/2016
Lawinenwarnung
Vielleicht liegt es am Herbstwetter, daß eine Ausstellung mit dem klimatisch nicht unbedingt auf die gegenwärtigen Verhältnisse bezogenen Titel »Die Lawine von morgen und der Schnee von gestern« in der Galerie im Körnerpark in Berlin von der Presse bisher nicht wahrgenommen wurde. Obwohl die in Berlin, und nicht nur hier, bestens bekannten Künstler Manfred Butzmann, Ernst Volland, Henning Wagenbreth, Klaus Staeck und Anke Feuchtenberger an ihr beteiligt sind, dazu Kerstin Weiberg und Richard Schütz mit einem Videoprojekt. Obwohl der Bundestagspräsident die Eröffnungsrede hielt und im Katalog Experten wie Georg Bussmann, Eckart Gillen, Detlev Lücke und Christoph Tannert schreiben. Es muß wohl am Thema und an den ausgestellten Werken liegen.
Zwar ist gerade das Tabu über die »Kunst in der DDR« aufgehoben worden, und die Populärkultur der 70er Jahre wird gerade wiederbelebt. Aber Plakate, auf denen der Grundgesetzartikel »Eigentum verpflichtet« mit dem wirklichkeitsgetreuen Zusatz »zur Ausbeutung« versehen ist (Klaus Staeck) oder einem Manager, der gerade seine Business-class-Mahlzeit verzehrt, ein halb verhungertes afrikanisches Kind durchs Fenster zuschaut (Ernst Volland) oder ein (Spielzeug-)Gewehr demonstrativ im Abfallkorb landet (Manfred Butzmann), wurden schon damals in den Medien wenig geschätzt, und seitdem ist die Wertschätzung gewiß nicht gewachsen. Sie werden in der Ausstellung konfrontiert mit Arbeiten der Beteiligten aus jüngerer Zeit und mit Arbeiten der jüngeren Generation (Wagenbreth, Feuchtenberger, Schütz, Weiberg). Gezeigt werden soll, daß im Laufe der Zeit und im Wechsel der Medien und Macharten der politische Anspruch erhalten blieb. Und daß die Unterscheidung zwischen Ostkünstlern (Butzmann, Feuchtenberger, Wagenbreth) und Westkünstlern (Volland, Staeck) damals wenig und heute gar nicht mehr taugt. Beides gelingt der Ausstellung.
Am 1. Oktober 2017 berichtete Butzmann über den Kampf gegen Zensurversuche der SED-Oberen, den er listig führte, die (auch finanzielle) Schwierigkeit, heute noch »im eigenen Auftrag« Plakate zu machen, die Porträts von Besuchern der Pankower Kneipe »Molle«, die er zeichnet, und über seine liebevoll dokumentarischen, formal beinahe abstrakt wirkenden »Abreibungen« von Böden Berliner Hausflure.
Zu einem seiner Plakate erzählte er folgende Geschichte: 1968 sollte er als Student eine grafische Arbeit zum Karl-Marx-Jahr abliefern, das in der DDR anläßlich des 150. Marx-Geburtstages ausgerufen worden war. Er entschied sich für ein Schriftplakat mit der von Marx zitierten Aussage eines englischen Gewerkschafters, wonach das Kapital bei 50 Prozent Profit »positiv waghalsig« wird, bei 100 Prozent »alle menschlichen Gesetze« mißachtet und bei 300 Prozent zu jedem Verbrechen fähig ist. Damals war er nur halb davon überzeugt. 1993, drei Jahre nach dem Ende der DDR, brachte er seine Studienarbeit von 1968 noch einmal auf ein Plakat, zum 175. Marx-Geburtstag. Diesmal, wie Brecht gesagt hätte, von der Wirklichkeit belehrt.
Am 15. Oktober sprach Ernst Volland über seine Arbeit, am 25. Oktober folgen Anke Feuchtenberger und Henning Wagenbreth (jeweils 19 Uhr). Die Ausstellung ist noch bis zum 2. November zu sehen.
Aus: Ossietzky Nr. 10/2017
Erfahrungen auf der documenta
Die alle fünf Jahre in Kassel stattfindende documenta gilt als weltweit bedeutendste Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Sie hatte immer auch einen aufklärerischen oder gar politischen Anspruch. Bei der documenta 14 in diesem Jahr wird er von ihren Macherinnen und Machern besonders betont. Sie versprechen nichts weniger, als aus dem Kunstraum einen Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung zu machen. Symbol dafür ist der zentral auf dem Friedrichsplatz aufgestellte »Parthenon der verbotenen Bücher«, der zugleich auf die »Wiege der Demokratie« in Athen – dem zweiten Ort der diesjährigen documenta – verweisen soll.
Aber hier schon zeigte sich bald der Unterschied zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Als jemand an diesem, dafür durchaus geeigneten Ort ein Schild hochhielt, mit dem er gegen die Rüstungsproduktion in Kassel protestieren wollte, erteilte ihm die Leitung der documenta einen Platzverweis. Der Kasseler katholische Dechant Harald Fischer schrieb daraufhin in einem offenen Brief: »Ich kann diesen Verweis […] nicht verstehen. Sie haben den ›denkenden Körper, der sich dem Machtapparat entgegenstellt‹ als ›Zeichen der Zeit‹ folgerichtig auf Ihre künstlerische Tagesordnung gesetzt. Es darf doch eigentlich nicht sein, dass ein Protest, der nach meinem Dafürhalten ganz auf Ihrer Linie liegt, keinen Platz in einem Kunstwerk hat, das die Tabuisierung von Gedankenwelten und das Verbot öffentlicher Rede darüber auf beeindruckende Weise zum Ausdruck bringt!« (Hessische/Niedersächsische Allgemeine, 23.6.2017)
Nach einigem Zögern entschuldigte sich die documenta-Leitung bei dem des Platzes Verwiesenen und duldete einen »Spaziergang« des Kasseler Friedensforums zum und im »Parthenon«, bei dem Schilder mit Parolen gezeigt und Flugblätter verteilt wurden. Eine Besuchergruppe, die sich gerade mit dem Kunstwerk auseinandersetzte, nahm die Flugblätter und eine kurze Erklärung dazu etwas irritiert entgegen. Deren von der documenta für zehn Euro pro Person gestellte Leiterin ließ das locker zu und sagte, dass sie selbst immer in ihren Gruppen die Rolle der Rüstungsindustrie in Kassel kritisch thematisiere.
»Spaziergang« heißt diesmal auch das, was früher wie üblich Führung genannt wurde. Es soll um Partizipation und eine Einübung in Demokratie gehen. Im Text-Katalog zur d14 wird geradezu emphatisch als Ziel verkündet, dass aus bloßen Kunstkonsumenten aktiv Beteiligte werden: »Wir hoffen, dass kein Frontalunterricht stattfinden wird, egal wie oft man uns daran erinnert, dass ›viele Menschen, insbesondere Kinder und Senioren‹, sowie andere, als subaltern betrachtete, offenbar erwarten, dass ihnen erklärt wird, wie sie alles zu verstehen haben. Warum aber sollten nicht sie sprechen? Wir interessieren uns für das Wissen, das unser Publikum mitbringt – und das sich als Werkzeug für weiteres Verstehen begreifen lässt.« So der Chefkurator der documenta Adam Szymczyk.
In der Praxis sieht das dann oft etwas anders aus. Mangels Schulung in der Methode des Bilder- und Ausstellungsgesprächs verfallen diejenigen, die die »Spaziergänge« leiten, schnell und gern wieder ins Erklären und Interpretieren.
Ein Beispiel: In der Neuen Galerie gibt es eine Fotowand von Piotr Uklański mit dem Titel »Real Nazis«. Unter den 203 sehr unterschiedlichen Porträts aus der Nazizeit findet sich auch der junge Joseph Beuys als Luftwaffensoldat mit Funkerkappe. Er wird hier mit seiner im Kabinett nebenan (ständig) ausgestellten Installation »The pack (das Rudel)« von 1969 konfrontiert. Sie besteht aus einem alten, schon etwas angerosteten VW-Bus, aus dessen Inneren eine Reihe von Schlitten mit aufgeschnallten Filzrollen und großen Taschenlampen quillt.
Eine Besuchergruppe hätte hier die Chance, über verschiedene Fragen von Kunst und Politik oder über Joseph Beuys‘ Biographie und Werk zu sprechen. Das könnte etwas länger dauern, aber fruchtbar sein. Stattdessen gab in dem Fall, den wir miterlebten, die Leiterin die Richtung vor, indem sie ungefähr Folgendes sagte: Ja, auch Beuys sei nicht unfehlbar gewesen. Wer ohne Fehl sei, werfe den ersten Stein. Und eine Dame aus der Runde assistierte sofort: Wer damals gelebt habe … Wer weiß, wie wir … und so weiter und so fort. Das Lied, das hier gesungen wurde, war das alte Lied von den Verhältnissen und den Menschen, die eben so sind wie sie sind. Keine Frage, wie sich Kunst dazu stellt. Keine Frage, ob und inwieweit Beuys überhaupt Nazi war und wie er sich in seinem Werk mit der deutschen Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Zu Beuys‘ Installation meinte die Leiterin, sie bedeute, dass wir, wenn uns einmal das Benzin für die Autos ausgehe, auf die alten Schlitten zurückgreifen könnten. Diese Botschaft von Beuys sei aktuell und werde von den Machern der diesjährigen documenta geschätzt.
Bei dem Bildergespräch, das wir mit einer Gruppe der KunstGesellschaft Frankfurt am Main in diesem Raum machten, hatte niemand derart angepasste oder reaktionäre Assoziationen.
Zum Lob der diesjährigen documenta können wir sagen, dass wir zum ersten Mal seit der seinerzeitigen Neuregelung für Besuchergruppen nicht vom Aufsichtspersonal gestoppt und nach unserer Legitimation gefragt wurden. Auf der letzten documenta hatten wir für unsere Aktivitäten noch eine »Schadensmeldung« geerntet, aus der aber dann nichts folgte.
Es gibt eine Kritik an der d14, die ihren politischen Anspruch beim Wort nimmt und beispielsweise fragt – wie wir es getan haben –, ob die in der Karlsaue aufgebaute »Blutmühle«, mit der die Ausbeutung von Indios beim Prägen von Silbermünzen veranschaulicht werden soll, in ihrer sauberen handwerklichen Ausführung nicht am Widerspruch zwischen Form und Inhalt scheitert. Ob die beiden ausgestellten zerborstenen Rümpfe von Flüchtlingsbooten, die zu großen Harfen umfunktioniert wurden, nicht eine angesichts so vieler Toter im Mittelmeer unangemessene Ästhetisierung des Leidens darstellen. Oder ob die auf dem Platz vor der documenta-Halle aufgestapelten Röhren mit ihrer wohnlichen Einrichtung tatsächlich vermitteln können, wie es sich anfühlt, wenn jemand auf der Flucht oder obdachlos in solchen Röhren übernachten muss. Auch die Begeisterung, mit der sie von vielen Besucherinnen und Besuchern abfotografiert werden, lässt daran zweifeln.
Es gibt aber eine andere Kritik von eher konservativer Seite. Ihr ist der politische Anspruch der d14 selbst zuwider. Zu wenig Kunst sei zu sehen, wird bemängelt. Stattdessen gut gemeinte Belehrung über die Schlechtigkeit der Welt und der herrschenden Zustände, für die es andere Medien gebe. Die ausgestellten Werke würden nur zur Illustration von Thesen gebraucht.
Ein tatsächlich bezeichnendes Beispiel dafür spießte das Kunstmagazin art auf: eine in der Neuen Galerie hängende Zeichnung von Gustave Courbet (1819 bis 1877) »Almosen eines Bettlers in Ornans« und deren Begleittext an der Wand. »Dort erfährt man Folgendes: ›Am ehesten‹ lasse sich diese Grafit-Zeichnung als ›Meditation über die Macht des Teilens und der Solidarität verstehen‹. Damit nehme Courbet ›die Dringlichkeit prophetisch vorweg, alternative Ökonomien zu erfinden und dem neoliberalen Würgegriff auf unsere menschliche Existenz zu entkommen‹…
Der belehrende Habitus, mit dem hier erklärt wird, wie man Courbets Werk ›am ehesten‹ zu verstehen habe, gehört ebenso zu den charakteristischen Merkmalen dieser Superschau wie die Fixiertheit auf moralische Kategorien: Hier die gute ›Solidarität‹, dort der böse ›Neoliberalismus‹.
Doch die Erläuterung zu Courbets vielschichtiger Skizze zeigt auch die Crux dieser Prediger-Haltung: Der gute Sinn verrutscht leicht ins bös Absurde. Oder wie wird sonst das Betteln zu einer Prophezeiung alternativer Ökonomien? Und wie könnte traurige Obdachlosigkeit ein politischer Weg sein, um aus dem ›neoliberalen Würgegriff‹ zu entkommen?«
Bei unserem Gespräch vor diesem Bild störten wir uns weniger am belehrenden Gestus des beigegebenen Textes als an dessen unhistorischer Begriffswahl. Statt vom »Neoliberalismus« hätte vom Kapitalismus gesprochen werden sollen, den Courbet nicht vorausahnen musste, weil er ihn bereits zu seiner Zeit erlebte. Die solidarische Geste auf Courbets Bild als Vorschein einer »alternativen Ökonomie« zu deuten, zeugt, darin waren wir uns einig, eher von Sozialromantik als von einem Verständnis unserer Wirtschaftsordnung.
Charakteristisch für den politischen Ansatz der documenta-Macherinnen und -Macher erscheint ein Text von Paul B. Preciado über das »Parlament der Körper« als Teil des Programms der Ausstellung: »Die Welt durchläuft einen Prozess der ›Gegenreform‹. Diese hat zum Ziel, die weiße männliche Vorherrschaft wiederherzustellen und demokratische Errungenschaften rückgängig zu machen, für die die Bewegungen von Arbeiter_innen, die antikolonialen, indigenen, ökologischen, feministischen, sexuellen und anti-psychiatrischen Bewegungen in den vergangenen zwei Jahrhunderten gekämpft haben. In diesem Kontext wird das Parlament der Körper zu einer Plattform des Aktivismus, der Allianzen und der Kooperation.
Nach acht Monaten mit Aktivitäten in Athen tagt das Parlament der Körper erstmals in Kassel und ruft zur Bildung einer antifaschistischen, transfeministischen und antirassistischen Koalition auf. Das Parlament der Körper richtet W. E. B. Du Bois’ Frage: ›Wie fühlt man sich als Problem?‹ als mögliche Interpellation an die ›99 Prozent‹ der Weltbevölkerung – unter Berücksichtigung des Prozesses, den der afrikanische Philosoph Achille Mbembé als das ›Schwarzwerden der Welt‹ beschrieben hat. Während das moderne koloniale und patriarchale Regime die ›Arbeiter_in‹, die ›Hausfrau‹, den ›Schwarzen‹, das ›Indigene‹ und den ›Homosexuellen‹ erfand, bringen heutige Regierungsmethoden neue Formen der Unterwerfung hervor: von kriminalisierten Muslim_innen bis zu Migrant_innen ohne Papiere, von prekär beschäftigten Arbeiter_innen bis zu Obdachlosen, von Menschen mit Behinderung und den Kranken als Konsument_innen der Industrie der Normalisierung zu sexualisierten Arbeiter_innen, zu Transsexuellen ohne Papiere.«
Die Schlussfolgerung daraus: »Wir haben keine gemeinsamen Identitäten, sondern wir sind mehr durch die verschiedenen Formen der Unterdrückung, Vertreibung und Enteignung miteinander verbunden als durch unsere Hautfarben, Geschlechter, Gender oder Sexualitäten. Das Parlament der Körper besteht nicht aus Identitäten, sondern aus kritischen Prozessen der Ent-Identifikation.«
Das richtet sich zweifellos zu Recht gegen die immer stärker aufkommenden Vorstellungen von ethnischer Identität und gesellschaftlicher Normalität. Ob es aber in seiner etwas verqueren Begrifflichkeit viele erreicht, ist die Frage. Und ob es mehr ist als ein auf gutwillige Mittelschichtler mit Multikulti-Orientierung zugeschnittenes und zielendes Programm, muss sich zeigen. Der Sprachgebrauch solcher Erklärungen lässt überdies vermuten, dass ihnen ein Denkmuster zugrunde liegt, nach dem die gesellschaftlichen Differenzierungen und Diskriminierungen eher durch die Macht und Manipulation der Eliten – dem »1 Prozent«, das den »99 Prozent« gegenübersteht – zustande kommen und nicht durch den Charakter der kapitalistischen Ökonomie selbst zumindest mitbedingt, wenn nicht bestimmt sind. Typisch auch, dass von »prekär beschäftigten Arbeiter_innen« die Rede ist, während die Ausbeutung im »Normalarbeitsverhältnis« gar nicht mehr zur Sprache kommt.
Vielleicht hat Ingeborg Ruthe am Schluss ihres ansonsten wohlwollenden Artikels über die diesjährige documenta in der Frankfurter Rundschau unabsichtlich den Nagel auf den Kopf getroffen, als sie schrieb: »Sei diese 14. Doppel-documenta mit noch so viel antikapitalistischen Thesen beladen. Am Ende heißt es doch: Es lebe das Event.« (FR, 10./11. Juni 2017)
Aus: Ossietzky Nr. 16/2017
Der rote Keil
Zu den Legenden über »68« gehört, dass Kunst keine Rolle für die revoltierenden Studentinnen und Studenten gespielt habe, dass Kunst damals pauschal als bürgerlich abgetan worden sei, quasi als Krampf im Klassenkampf. Ich kann das aus eigener Erfahrung nicht bestätigen. Nach der Ermordung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967 entwarf der Bildhauer Eberhard Fiebig ein Denkmal für ihn im konstruktivistischen Stil. Ich machte ein Interview dazu mit Fiebig für die Frankfurter Studentenzeitung Diskus. Das Denkmal wurde vom Frankfurter Studentenparlament beschlossen, die Realisierung von der Goethe-Universität aber abgelehnt.
Im Mai 1968 erschien im Diskus eine ausführliche Besprechung des vom VEB Verlag der Kunst Dresden herausgebrachten Bandes zum Werk von El Lissitzky. Fast zeitgleich dazu hatten wir – eine Gruppe an künstlerischer Agitation Interessierter – einige Transparente für den Sternmarsch auf Bonn gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze angefertigt, der am 11. Mai stattfand.
Darunter eine Collage zu dem damals beliebten Thema der Konsumkritik, die nach der Demo mit hämischem Kommentar von der Bild-Zeitung abgedruckt wurde. Ein anderes Bildmotiv stellte eine Reihe grüner Polizisten-Silhouetten dar, mit rosa Knüppeln in der Hand. Als wir dieses Transparent später einmal bei einer Kundgebung vor dem Portal der Frankfurter Uni aufspannten, drohten die anwesenden Polizisten mit dem Einsatz ihrer Machtmittel, so dass wir es unter Protest wieder zusammenrollten.
Das politisch Zugespitzteste der Transparente entstand nach dem Vorbild von Lissitzkys berühmtem Plakat »Der rote Keil schlägt die Weißen«. Wir übernahmen die abstrakte Form, vor allem den Keil. Der Text dazu, in großen Buchstaben: »Kapitalismus führt zum Faschismus – Kapitalismus muss weg«. 1967 war unter dem Titel »Kapitalismus führt zum Faschismus …« der Nachdruck einer Schrift von Paul Sering (Richard Löwenthal) aus dem Jahr 1935 erschienen. Anstelle eines Vorworts enthielt er Auszüge von Redebeiträgen bei einer Podiumsdiskussion mit Löwenthal, Herbert Marcuse, Rudi Dutschke und anderen. Es ging um den Abbau »überflüssiger«, mit dem Eigentum an Produktionsmitteln verbundener Herrschaft, die in der Krise zu faschistischen Lösungen neigt.
Der auf unser Transparent gemalte Slogan wurde damals bei Demonstrationen skandiert. Er erinnerte an das Diktum von Max Horkheimer, dass, wer vom Kapitalismus nicht reden will, auch vom Faschismus schweigen soll. Kapitalismus führt zum Faschismus – in einem Artikel in der Welt vom 31. August 2000 unter dem Titel »Ach ja, der böse Kapitalismus!« wurde dies als schlichter Unfug bezeichnet. Autoritäre Staatsstrukturen seien gerade eine Sache von Ländern gewesen, die – wie Deutschland, Italien und Spanien – noch nicht vollständig durchkapitalisiert waren. Auch Horkheimers These müsse also »ketzerisch umgekehrt« werden.
Inzwischen ist sie etwas in Vergessenheit geraten. Unser Transparent selbstverständlich auch. 2008, zum vierzigjährigen Jubiläum von »68«, wurde es noch einmal im Rahmen einer Dokumentation in der Frankfurter Rundschau abgebildet, auf einem Foto vom Eingang der Goethe-Universität, die damals vorübergehend in Karl-Marx-Universität umbenannt worden war. Tempi passati.
Aus: Ossietzky Nr. 12/2018
Offener Brief aus dem Jahr 1870
Wer heute angesichts von Brexit und wachsendem Nationalismus in der EU die »Vereinigten Staaten von Europa« als Ziel proklamiert, gilt als Träumer oder unverbesserlicher Utopist. Wer das 1870 proklamierte, mitten im von Preußen provozierten Krieg gegen den »Erbfeind« Frankreich, galt als Verräter an der nationalen Sache. Auch und gerade wenn er als Franzose auf der Verliererseite stand. Und ganz besonders, wenn er den deutschen Sieg bei Sedan und die Gefangennahme Napoleons III. begrüßt hatte, weil das zur Ausrufung der 3. französischen Republik führte.
Man sieht schon, dass es sich beim Verfasser um jemanden handelte, der nicht vorzugsweise in den Kategorien ethnischer Kollektive dachte wie die meisten Zeitgenossen damals und heute. Aufenthalte in München und Frankfurt hatten ihm Freunde unter seinen deutschen Malerkollegen und Anerkennung beim Publikum gebracht. Er schrieb darüber: »So wie ich fordert Ihr, indem Ihr Freiheit für die Kunst verlangtet, Freiheit auch für die Völker. Mitten unter Euch, glaubte ich mich zu Hause und unter Brüdern; wir tranken auf das Wohl Frankreichs und auf die künftige europäische Republik; noch in München – vergangenes Jahr – schwörtet Ihr mit heiligen Eiden, Euch in keiner Weise an Preußen anzuschließen.« Es kam anders und die heiligen Eide waren schnell vergessen. Gustave Courbet aber – von ihm ist hier die Rede – hielt an seiner Überzeugung fest, dass, wer für seinen jeweiligen »Cäsaren« in den Krieg zieht, nur an den Ketten schmiedet, in die er selbst gelegt wird. So beschwor er die in Frankreich eingefallenen Soldaten von jenseits des Rheins in einem offenen Brief an die deutsche Armee, den er am 29. Oktober 1870 im Pariser Athenäum-Theater verlas, umzukehren, zu ihren Frauen und Kindern zurückzukehren: »Gebt Eurem natürlichen Empfinden nach, denn es ist schwierig, das Böse zu verhindern; Ihr werdet uns nicht vernichten, und Ihr werdet für Eure Taten vor der Menschheit büßen.«
Sein danach von ihm verlesener Brief an die deutschen Künstler hatte es noch mehr in sich. Zunächst kritisierte er sie und ihre Landsleute heftig dafür, nicht mehr, wie ihre Vorväter es taten, ihre Kaiser »manchmal zum Erzittern« zu bringen, sondern sich vor dem Preußenkönig »flach auf den Bauch zu werfen«, wenn der nur den Finger hebe. Spätestens seit der Ausrufung der Republik in Frankreich handele es sich um einen Krieg, der »infamer ist als die schmutzigsten Kriege des Feudalismus«. Dann folgte ein Appell an die Vernunft und an die gemeinsamen Interessen. Nicht umsonst hatte sein Freund Castagnary Courbet – nicht nur wegen Sujets wie den »Steineklopfern«, sondern wegen Courbets politischer Haltung seit der Revolution von 1848 – als »ersten sozialistischen Maler« bezeichnet: »Man nennt Euch bedürftig, umso besser; in Frankreich ist die Armut ein Zeugnis für Redlichkeit; allein die Reichen haben die Mittel zu stehlen; wir können uns also verständigen.« Courbet schlug vor, die Grenzpfähle zwischen Deutschland und Frankreich niederzulegen, die Zitadellen zu schleifen und die Armeen beiderseitig abzuschaffen, denn sie seien überflüssig, wenn es keine Grenzen mehr gebe: »Nur die Mörder werden noch töten, wenigstens ist dies unsere Hoffnung«. Dann werde man sich »abermals die Hand drücken, und wir werden anstoßen: auf die Vereinigten Staaten von Europa«. Am Schluss des offenen Briefes hieß es: »Lasst uns Eure Kanonen von Krupp, und wir werden sie mit den unsrigen zusammen einschmelzen; die letzte Kanone, die Mündung in die Luft, die phrygische Mütze obenauf, das Ganze auf ein Postament gesetzt, das seinerseits auf drei Kanonenkugeln aufliegt, und dieses kolossale Monument, das wir gemeinsam auf der Place Vendôme errichten werden, dies sei Eure Säule, Eure und unsere, die Säule der Völker, die Säule Deutschlands und Frankreichs, die dann auf immer vereint sind.« Auch diese Idee Courbets blieb eine schöne Utopie. Kanonen von Krupp spielten in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts weiter ihre Rolle. Der deutsche und der französische Rüstungsexport in alle Welt ist nach wie vor beträchtlich. Und zur Stärkung der Einheit und Rolle Europas wird heute der Aufbau einer gemeinsamen Militärmacht propagiert.
Im Übrigen stand seinerzeit auf der Place Vendôme bereits eine Säule, die 1806-10 zu Ehren Napoleons aus eingeschmolzenen, in der Schlacht von Austerlitz erbeuteten russischen und österreichischen Kanonen errichtet worden war. Sie wurde während der kurzen Zeit der Pariser Kommune von 1871 zerstört. Courbet wurde als Kunstkommissar der Kommune nach deren Niederschlagung für die Zerstörung verantwortlich gemacht und zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. 1873 ging er in die Schweiz ins Exil, nachdem er in einem erneuten Prozess zum Schadensersatz für die Vendôme-Säule verurteilt worden war. Die Säule wurde selbstverständlich wiederhergestellt.
Aus: Ossietzky Nr. 1/2019
Digital ist manchmal fatal
Wenn man früher einen wütenden Brief an jemanden schicken wollte, der einen geärgert hatte, ließ man das Geschriebene oft über Nacht liegen. Der Weg zum nächsten Postkasten wäre am Abend zu weit gewesen, oder man hatte gerade keine Briefmarke zur Hand. Am nächsten Morgen war dann der Zorn schon halb verraucht, oder es kamen einem Bedenken ob der unkalkulierbaren Folgen. Also beließ man es beim Entwurf. Das war gut so, denn der Zweck war bereits erfüllt. Man hatte sich abreagiert, und der Weg zu einer Klärung der Sache war nicht verbaut.
Heute schreibt man keine Briefe mehr, sondern E-Mails. Das schnelle Medium verleitet zu schnellen Reaktionen. Hinter seinem Laptop verschanzt kann man leicht virtuelle Pfeile auf diejenigen abschießen, die einen geärgert oder verletzt haben. Eine Bedenkzeit gibt es dabei nicht. Wer speichert schon seine Mail unter Entwürfe ab, wenn er gerade im Flow des Formulierens ist und der Ärger oder die Verletzung so tief sitzen, dass sie nach rascher oder endlicher Satisfaktion verlangen. Ein Mausklick und die Sache ist scheinbar erledigt.
Beim Mailen kann man sich einigermaßen sicher sein, dass der Adressat erreicht wird. Bei Briefpost ist es nie ganz klar, ob sie ankam, ob sie überhaupt geöffnet und gelesen wurde. Manche Briefe werden verlegt oder landen einfach im Papierkorb. Aber eine Mail nicht zu öffnen, wenn der Absender bekannt ist, würde schon einen heroischen Kampf gegen die eigene Neugier erfordern. Eben weil es nur eines Mausklicks bedarf. Schon deshalb ist es äußerst attraktiv, virtuelle Pfeile abzuschießen. Sie treffen ihr Ziel.
Dann aber geht es los. Ob er auf diese Mail antworten soll und wenn ja, wie, fragt sich der Angeschriebene. Soll er Verständnis zeigen für den Ärger und die Verletztheit des anderen? Soll er gar eine Schuld oder Mitschuld einräumen? Oder ärgert er sich seinerseits über Vorwürfe, die ihm falsch, ungerecht oder maßlos übertrieben vorkommen? Hinter seinem Laptop verschanzt denkt er fieberhaft darüber nach: Verteidigung, Begütigung oder Gegenangriff? Der Griff in die Tasten liegt nahe. Zumal allgemein erwartet wird, dass auf Mails schnell geantwortet wird.
Das Unheil nimmt seinen Lauf. Die gegenseitigen Missverständnisse und Verletztheiten schaukeln sich hoch, wenn das Ganze nicht unterbrochen und der Versuch einer Aussprache »face to face« oder wenigstens per Telefon gemacht wird.
Besonders unproduktiv sind meist auch Versuche, per Rundmail Diskussionen zu führen. Obwohl gerade das als vom Medium ermöglichtes demokratisches und transparentes Verfahren gilt. Weil alle anscheinend alles mitbekommen und zu allem Stellung nehmen können. Das führt aber häufig dazu, dass kleine Meinungsverschiedenheiten aufgebauscht oder Formulierungen auf die Goldwaage gelegt werden, weil man sich profilieren möchte, was bei räumlicher Trennung einfacher ist als in einer offenen Debatte mit bestimmten Regeln und einer Diskussionsleitung. Die Sache, um die es geht, gerät dann in den Hintergrund.
Die digitale Kommunikation hat viele Vorteile mit sich gebracht. Um Probleme und Konflikte zu lösen, erscheint sie ungeeignet. Da kann nur die gute alte analoge Kommunikation weiterhelfen.
Aus: Ossietzky Nr. 8/2019
Freie Fahrt für freie Bürger
»Freie Fahrt für freie Bürger« – dieser Slogan der deutschen Automobil-Lobby, der zur Abwehr von Geschwindigkeitsbegrenzungen dient, könnte leicht umfunktioniert werden als Forderung nach einem kostenfreien öffentlichen Nahverkehr. Freie Fahrt mit Straßenbahnen, S-Bahnen und Bussen in der Stadt und bis ins Umland – das wäre doch etwas. Die Straßen wären nicht mehr so verstopft und mit Blechkisten vollgeparkt wie heute, die Belastung mit Kohlen-dioxid und Feinstaub würde schlagartig zurückgehen, Fahrverbote für Dieselkraftwagen würden sich erübrigen, Kinder könnten gefahrlos draußen spielen, und im Sommer würden immer mehr Anwohner Stühle und Tische in den vom Autoverkehr befreiten Zonen aufstellen. Das Konzept einer autofreien Innenstadt, wie es beispielsweise gerade in Frankfurt am Main entwickelt wird, könnte auf diese Weise ideal ergänzt werden. Ein ungeahntes öffentliches Leben könnte sich entfalten, Nachbarschaften würden gepflegt und gegenseitige Hilfe käme in Mode. Das Fahrrad würde als Verkehrsmittel immer bedeutsamer, was auch positive Auswirkungen auf die Gesundheit vieler hätte. Allen ginge es besser.
Wie aber kann eine solche freie Fahrt für freie Bürger finanziert werden, wo doch die kommunalen Kassen bekanntermaßen klamm sind? Ganz einfach: Vor allem die Besserverdiener sollten das bezahlen, weil sie dann auf ihren Zweit- oder Drittwagen leicht verzichten können, was ihnen eine enorme Ersparnis einbringt. Als flankierende Maßnahme muss selbstverständlich die Nutzung von SUVs in den Städten sofort untersagt werden, da diese Kleinfamilienpanzer aus Blech die friedliche Nutzung der Wohnstraßen erheblich stören würden.
Aus: Ossietzky Nr. 13/2019
Italienische Impressionen
Im sonnigen Süden sind Temperaturen um 30 Grad und mehr nichts Ungewöhnliches. Aber auch in Italien ist es in diesem Sommer heißer als üblich. Eine größere Bewegung gegen die drohende Klimakatastrophe wie Fridays for Future ist aber noch nicht in Sicht. Das hängt damit zusammen, dass die meisten hier, auch gerade die Jungen, viel zu sehr damit beschäftigt sind, ihre Existenz zu sichern, sagt unsere Freundin in Pisa. Und damit, dass die das politische Feld dominierende rechtspopulistische Lega des Innenministers Matteo Salvini die Klimakrise zwar nicht leugnet, aber mit anderen Themen überdeckt, ergänzt ihr Partner. Nicht nur mit dem Thema Flüchtlinge, sondern neuerdings mit dem Plan einer Pauschalsteuer, die angeblich die unteren Schichten entlasten soll.
Salvini hat von seinen Medienberatern den Spitz- oder Kampfnamen il capitano, der Kapitän, verpasst bekommen. Als er die Kapitänin des deutschen Seenotrettungsschiffs Sea-Watch 3 nicht nur daran hindern wollte, den Hafen von Lampedusa anzulaufen, um gerettete Flüchtlinge an Land zu bringen, sondern sie, nachdem sie sich über sein Verbot hinweggesetzt hatte, aufs Übelste beschimpfte, brachte die linksliberale Wochenzeitung L’Espresso Salvini und Carola Rackete zusammen aufs Titelblatt mit der Schlagzeile: »Capitano e no« – sinngemäß übersetzt: Kapitän und kein Kapitän.
Inzwischen ist die hochsymbolische Auseinandersetzung zwischen einem rechten Macho und Machthaber und einer jungen Frau, die sich für das Menschenrecht auf Leben einsetzt, in den italienischen Medien schon wieder etwas in den Hintergrund gerückt worden durch die neueste Affäre um die anscheinend versuchte Finanzierung der Lega aus dubiosen russischen Quellen. Salvini weiß selbstverständlich von nichts und strebt nun angesichts bester Umfragewerte Neuwahlen an.
Wird die Rechtsentwicklung in Italien aufzuhalten sein? Unsere Freunde sind skeptisch. Am Bahnhofskiosk in Ostia kaufen wir uns die Zeitschrift Cultura Identità. Sie enthält alle Namen und Stichworte, die für die Neue Rechte wichtig und charakteristisch sind. Es geht um ein neues Rinascimento, eine »nationale Wiedergeburt« als Gegenbewegung gegen die angebliche kulturelle Hegemonie der Linken. Dafür wird sogar Pier Paolo Pasolinis radikale Kritik am Konsumismus ins Feld geführt. Es geht gegen den sogenannten mondialismo tecnocapitalistico – ein typischer Kunstbegriff, der eine antikapitalistische Tendenz suggeriert, sich in Wirklichkeit aber nur gegen Phänomene wie »Globalismus«, Traditionsverlust und weltweite Migrationsbewegungen richtet.
Das Titelbild zeigt einen dem Meer entsteigenden nackten Jüngling mit rotem Helm, aus dem ein starker Lichtstrahl in die Zukunft weist. Faschistoide Ästhetik mit Zügen von Pop – aber das kennt man ja auch von einigen Musikbands bei uns. Hier ist es offenbar ganz ernst gemeint.
Nach Ostia sind wir auch gekommen, um die Gedenkstätte für Pasolini zu besuchen, der 1975 in diesem »tristen Strandort« – wie der Spiegel damals schrieb – ermordet wurde. Der angebliche Einzeltäter widerrief nach der Gefängnisstrafe sein Geständnis, sprach von einer Gruppe von Schlägern und deutete politische Motive an. Eine späte Wiederaufnahme des Verfahrens brachte keine Klärung mehr. Pasolini war als Homosexueller, Kommunist und scharfer Kritiker der Verhältnisse in Italien bei der Rechten verhasst.
Mit Mühe und mehrfachem Nachfragen bei Passanten finden wir den kleinen Park, der nach Pasolini benannt ist. Er liegt am Rand eines Vogelschutzgebiets. Keine Wegweiser führen da hin. Das Denkmal, das die Stadt Rom 2005 errichtet hat, zeigt eine Taube oder Möwe mit erhobenen Flügeln, dazwischen eine runde Scheibe – Symbol für die Erde oder die Sonne. Darunter ein Vers von Pasolini. Andere Zitate sind ringsherum auf Tafeln verteilt.
Eine einsame Gegend. In der Nähe, versteckt im Gebüsch, offenbar ein Nachtlager von Obdachlosen oder Sinti und Roma. Innenminister Salvini lässt diese gerade im ganzen Land zählen, was immerhin zu starkem Protest in der Öffentlichkeit geführt hat.
Etwas weiter entfernt steht der von Michelangelo entworfene Tor San Michele, ein eindrucksvolles Bauwerk der Renaissance. Den Blick auf den Turm stört ein großer Müllhaufen. Der Eingang ist verschlossen, kein Hinweis auf Öffnungszeiten. Wenn sich diejenigen, die heute Salvini und seinesgleichen nachlaufen, darum kümmern würden, wie mit einem solchen Zeugnis italienischer Baukultur umgegangen wird, könnte man ihnen wenigstens ihre Sorge um die Bewahrung der italienità abnehmen.
Aus: Ossietzky Nr. 15/2019
Den Lebensinteressen gerecht werden
»Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden.« Diese Feststellung klingt wie eine aus der Zukunft – einer vielleicht gar nicht so fernen Zukunft, in der die Klimakrise immer bedrohlicher geworden ist, in der die Kluft zwischen Armut und Reichtum national und weltweit immer heftigere Konflikte heraufbeschworen hat, so dass eine Mehrheit der Bundesbürger nicht mehr nur das Versagen von Politikern, sondern das Wirtschaftssystem selbst dafür verantwortlich macht. Es ist aber eine Feststellung aus der Vergangenheit. Sie stammt aus einem Parteiprogramm von 1947 – nicht dem einer linken Partei, wie man annehmen könnte. Es handelt sich um den ersten Satz des Ahlener Programms der CDU, benannt nach einer kleinen Stadt in Nordrhein-Westfalen.
Es gibt verschiedene Erklärungen dafür, warum die CDU damals zu einer solchen Formulierung griff. Nach 1945 machten sich auch in den westlichen Besatzungszonen kapitalismuskritische Tendenzen bemerkbar – im Bewusstsein der Tatsache, dass Hitler und seine Bewegung schon vor 1933 von Großindustriellen finanzielle und politische Förderung erhalten hatten, dass die NS-Diktatur maßgeblich mit ihrer Hilfe errichtet worden war, dass der Zweite Weltkrieg und der Holocaust ohne Unterstützung durch »die Wirtschaft« nicht möglich gewesen wären. Daraus wurde der Schluss gezogen, dass die demokratiegefährdende Macht von Banken und Konzernen unter Kontrolle gebracht werden müsse. Zudem war innerhalb der CDU der linke Flügel noch stark, der einen »christlichen Sozialismus« forderte. Schließlich mochten es auch taktische Erwägungen sein, die dazu führten, dass die CDU eine »Neuordnung von Grund aus« proklamierte: »Inhalt und Ziel dieser sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein.«
Aus der nach dem Ahlener Programm angestrebten »gemeinwirtschaftlichen Ordnung« wurde dann zwar nichts, aber immerhin blieb das Grundgesetz der 1949 gegründeten Bundesrepublik für Entwicklungen hin zu einer Wirtschaftsdemokratie offen. Die Sozialpflichtigkeit des Eigentums an Produktionsmitteln und die Möglichkeit zu deren Vergesellschaftung, wenn es dem »Wohl der Allgemeinheit« dient, wurden in Artikel 14 und 15 der Verfassung ausdrücklich festgeschrieben.
In einem Interview, das unter dem Titel »Kein Marktversagen, sondern Staatsversagen« in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 1. August erschien, forderte Marco Buschmann als Parlamentarischer Geschäftsführer der FDP-Bundestagsfraktion jetzt die Streichung des Grundgesetzartikels, der Vergesellschaftungen erlaubt. Der sei ein »Relikt aus der Nachkriegszeit« und diene nur noch dazu, »populistische Debatten anzuzetteln«: »Denken Sie etwa an die Idee, BMW zu verstaatlichen.« Auch die von Mieterinitiativen erhobene Forderung, die Privatisierung ehemals kommunaler Wohnungsunternehmen rückgängig zu machen, um den horrenden Mietpreissteigerungen entgegenzusteuern, sieht Buschmann als Gefahr für die Eigentümerfreiheit: »Kommandowirtschaft ohne privates Eigentum macht alle arm und geht besonders zu Lasten der Schwächsten.«
An der Argumentation des FDP-Politikers ist sicherlich richtig, dass es keine Verbesserung bringen würde, wenn man Privateigentum einfach nur verstaatlichen würde. Es geht darum, ob die großen Unternehmen weitgehend demokratiefreie Zonen bleiben sollen, es geht um die Demokratisierung der Verfügungsgewalt über Produktionsmittel, es geht um den Ausbau und die Förderung der »Gemeingüter« (Commons) und einer »Gemeinwohlökonomie« – nichts anderes kann heute im wohlverstandenen Sinn mit Vergesellschaftung gemeint sein, wie sie das Grundgesetz ermöglicht.
An der Aussage des Ahlener Programms von 1947, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem den Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden sei, ist der Begriff der Lebensinteressen bemerkenswert. Wörtlich genommen besagt er, dass die herrschende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nicht nur keinesfalls die beste aller Welten darstellt, weil sie Wachstum, Wohlstand, Freiheit und demokratische Verhältnisse ermögliche, sondern dass sie den Bedürfnissen und Interessen der Menschen eklatant widersprechen, ja ihr Leben selbst gefährden kann.
Das gegenwärtig brisanteste Beispiel dafür ist der durch unsere Produktions- und Konsumtionsweise bedingte Klimawandel mit drohenden katastrophalen Folgen für Mensch und Natur.
Dazu ein nachdenklich gewordener ehemaliger Vertreter der Unternehmerseite: Peter H. Grassmann war jahrzehntelang in Führungspositionen tätig, unter anderem in den 1980er und 1990er Jahren als Vorstandsmitglied beim Technologiekonzern Siemens. Seither hat er sich zu einem Kritiker der finanzmarktgetriebenen neoliberalen Marktwirtschaft entwickelt und propagiert in seinem in diesem Jahr im Frankfurter Westend Verlag erschienenen Buch »Zähmt die Wirtschaft!« wirtschaftsethische Positionen und systemtranszendierende Reformvorschläge.
Die Wirtschaft sei heute gefangen »zwischen Börse und Lobbyismus«, sagte er in einem Interview in der Frankfurter Rundschau am 20./21. Juli. Er benannte die »Skandale der letzten Jahrzehnte – zum Beispiel die Korruptionsskandale oder den Gebäudeeinsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch«. Und den Skandal neokolonialer oder neofeudaler Ausbeutung: »Bei sozialen Fragen, etwa bei der Textilproduktion in den ärmsten Ländern, sorgen die Konzerne, die das in der Hand hätten, nicht für faire Löhne. Sie folgen nicht einmal so einleuchtenden Vorschlägen wie dem des Soziologen Peter Spiegel in seinem Buch ‚Die 1-Dollar-Revolution‘, der einen Dollar pro Stunde als Mindestlohn vorschlägt. Das brächte einen enormen Rückgang der weltweiten Armut … Alles, was Kosten spart, wird getan, alles, was fair, aber nicht ganz so preiswert wäre, wird vermieden.«
Grassmann führt das auf die »Gier nach Geld und Gold« und auf eine »fehlende Werteorientierung« zurück, nicht auf die Orientierung am Tauschwert, an der Gewinnmaximierung, die für das kapitalistische Wirtschaftssystem nun einmal charakteristisch sind. Er will, dass die Politik dem Grenzen setzt, dass sie »strengere Regeln erzwingt«, »verpflichtende Leitlinien zu den großen Themen wie Klimaschutz, soziale Verantwortung und global faire Produktions- und Handelsketten«. Inwieweit das durch die von ihm vorgeschlagenen Maßnahmen erreicht werden kann – unter anderem verbindliche Selbstverpflichtungen, mehr fachliche und wirtschaftliche Kompetenz bei Politikern, mehr Partizipation für die Bürgerinnen und Bürger in Wirtschaft und Gesellschaft, Volksentscheide bei zentralen politischen Themen – mag dahingestellt bleiben.
Den Satz aus dem Ahlener Programm von 1947 aber könnte Grassmann wohl heute schon oder wieder unterschreiben, so wie viele andere, die sich in den Bewegungen für soziale Gerechtigkeit, gegen imperiale Kriege und Umweltverbrechen engagieren. In Grassmanns Worten ausgedrückt: Die »erschreckende Abwärtsspirale unserer Zivilisation«, der »bisherige Kurs« in Wirtschaft und Gesellschaft führe dazu, dass »die Menschheit ihre Lebensgrundlagen zerstört«.
Auf die Frage der Frankfurter Rundschau, wie er die »Chancen für eine Erneuerung der Demokratie« sieht, ob »ausgelöst von den weltweiten Schülerprotesten … ein neues 1968« möglich sei, antwortete er: »Ein Vergleich mit 1968 greift zu kurz. Wir brauchen wesentlich mehr als das, was damals geschah. Es geht nicht nur um gesellschaftliche Veränderungen, sondern auch um einen fundamentalen Wandel in der Art und Weise, wie wir produzieren und konsumieren.«
Das Interview war mit dem Satz überschrieben: »Wir brauchen eine faire, keine freie Wirtschaft.« Eine, die den Lebensinteressen der Menschen gerecht werden könnte.
Aus: Ossietzky Nr. 18/2019
Kleiner Erfahrungsbericht
Die Frankfurter Innenstadt ist leer und still an diesem trüben und kühlen Ostermontag. An der Hauptwache steht einsam ein Polizeiwagen. Der Platz neben der Paulskirche liegt verlassen. Auf dem Römerberg sitzen zwei Männer auf einer Bank. Am Durchgang zum Main sind drei Wagen mit Polizisten postiert.
Es ist 13 Uhr – der Zeitpunkt, zu dem hier die diesjährige Antikriegskundgebung hätte beginnen sollen.
Die Justitia vom Gerechtigkeitsbrunnen ist wegen Renovierung abmontiert. Am Bauzaun hängt ein Zettel mit der dringenden Forderung, dass den Armen geholfen werden soll.
Als B. sich, ordentlich maskiert, für ein Erinnerungsfoto vor den Brunnen stellt und die Abbildung eines Ostermarschplakats von 1965 hochhält, kommt eine Frau hinzu, die ein Din A 4-Blatt mit Bildern und Parolen zum Tag in der Hand hat. Sie wird mitfotografiert.
Da schalten sich die beiden Männer ein. Vor einer Stunde seien einige andere da gewesen, mit Plakaten und Fahnen als ob nichts wäre. Sofort sei Polizei gekommen und hätte sie zum Verlassen des Platzes aufgefordert, da ja jede Demonstration untersagt sei. Die Beamten hätten nicht so gewirkt, als seien sie besonders glücklich bei ihrem Tun.
Kaum reden die Anwesenden ein wenig miteinander, mit gehörigem Abstand, da schlendern auch schon vier Polizisten auf sie zu. Schnell wird noch mehr Abstand voneinander genommen, so dass von einer Gruppenbildung schon gar keine Rede mehr sein kann. „Paare, Passanten“ wäre der richtige Ausdruck für die Szene, unter Verwendung eines alten Buchtitels von Botho Strauß, bevor der nach rechts abwanderte.
Die Polizisten kehren um, besteigen ihre Autos und fahren weg.
Auf dem Rückweg schaut B. noch kurz in die Kirche am Liebfrauenberg, deren Tür einladend geöffnet ist. Die Altäre sind beleuchtet, drei Besucher*innen verlieren sich in den Bänken.
Gegenüber stehen ein paar Obdachlose unter dem Vordach eines Ladens, um sich vor dem einsetzenden Regen zu schützen. Darunter „Eisenbahn-Reiner“, über die Stadt hinaus bekannt geworden, weil das Ordnungsamt ihm einmal seinen Platz wegnehmen wollte, wogegen sich heftiger Protest erhob. Wie immer hat er seine Spielzeugbahnen und die Zeitungsartikel über ihn mitten auf der Fußgänger-Gasse ausgebreitet. B. fragt ihn, ob sie miteinander teilen und gibt ihm nach dem Ja einen Schein.
Aus: Ossietzky Nr. 9/2020